Der 7. Januar 1610 war ein bedeutender Tag für die Menschheit. Denn am Abend dieses 7. Januars setzte sich Galileo Galilei, Professor der Mathematik in Padua, zum ersten Mal an sein selbst gebasteltes Fernrohr. Es war nicht das erste Fernrohr überhaupt, wie manchmal zu lesen steht. Das hatte schon zwei Jahre zuvor der flämische Brillenmacher Hans Lipperhey (oder auch Lippersheim) gebaut. Galilei war die Sache zu Ohren gekommen, und er hatte sich sofort darum bemüht, die Prinzipien der Konstruktion herauszufinden. Es gelang ihm denn auch in kürzester Zeit. Und sein Gerät war um vieles besser als das flämische Original.

Die theoretischen Grundlagen zum Bau eines "Fernglases" hatte allerdings schon drei Jahrhunderte zuvor der Engländer Roger Bacon (1219 bis 1292) ausgearbeitet, der Erfinder der Brille. Die Brille wäre demnach eine Art Urteleskop. Brillenträger sind Minimalastronomen. Bacon hatte dargelegt, wie eine Linse zu formen sei, "damit sie uns die Sterne nach Belieben nahe bringt". Sie müsse nur alle von einem fernen Gegenstand ausgesandten Lichtstrahlen in einem Punkt vereinen, um sie von dort durch die Pupille des Auges auf die Netzhaut desselben zu führen. Bacon hatte eigentlich nur das Prinzip des Hörrohrs ins Optische übertragen - ein simpler und gerade deshalb so genialer Gedankenschritt.

Der letzte große Himmelsforscher, der seine astronomischen Beobachtungen noch ganz ohne Fernrohr durchgeführt hatte, war übrigens der Däne Tycho Brahe gewesen, geboren 1546 im südschwedischen Knudstrup, gestorben 1601 in Prag. Dennoch lieferten seine erstaunlich präzisen Messungen, die er schon als junger Mann mit einem großen, von ihm selbst gebauten Quadranten aus Holz und Messing durchführte, die empirische Grundlage für Keplers Gesetze der Planetenbewegungen. Damit bereitete er den endgültigen Triumph des heliozentrischen Weltbildes vor, obwohl er zeitlebens ein Gegner der kopernikanischen Lehre blieb.

Goethe mag nicht einmal Brillen

Brahe war ein Astronom im Zwischenreich, eine romantische Figur, wenn man so will: Geistig noch tief im Mittelalter wurzelnd, zeigt sich in seinem Bemühen um äußerste wissenschaftliche Exaktheit bereits der Geist der Moderne. Und es liegt eine anrührende Tragik in dieser historischen Situation - wäre er nur zehn Jahre älter geworden, hätte er das Teleskop, das neue Wundergerät, gewiss ausprobiert.

Als Galilei, eine knappe Generation jünger als Brahe, sein Fernrohr baute, war er schon ein berühmter Mann. Seit 18 Jahren hielt er Vorlesungen an der Universität von Padua - ein begnadeter Lehrer, ein glänzender Redner. So breitete sich die Kunde von seinen astronomischen Beobachtungen im Eiltempo über das ganze Land aus, und sehr bald kursierten die fantastischsten Geschichten. Es hieß, mit dem Fernrohr könne man Gott selbst hinter den Sternen schauen. Schließlich wurde Galilei nach Venedig gerufen, um sein mirakulöses Instrument dem Dogen und dem Senat vorzuführen. Die Venezianer wurden Zeugen eines sonderbaren Schauspiels: Da kletterten selbst noch die greisesten Senatoren auf den höchsten Kirchturm der Stadt, um von dort durch das magische Glas nach Schiffen Ausschau zu halten, die, weit draußen auf dem Meer, keiner mehr mit bloßem Auge erkennen konnte. Die Senatoren waren begeistert, der Doge auch.

In Italien brach das Fernrohrfieber aus. Immerhin vermochte Galileis bescheidenes Gerät hundertmal mehr Licht von einem entfernten Objekt einzufangen als das bloße Auge: Ein Gegenstand konnte auf 50 Kilometer Entfernung schon so deutlich gesehen werden, als wäre er nur 5 Kilometer entfernt. Plötzlich hatte die Wirklichkeit keine festen Grenzen mehr! Ja, was sie war, ihre Dimensionen, ihre Gestalt, hing davon ab, womit man sie betrachtete. Das Fernglas wurde zum modischen Spielzeug. Galileis Ruhm veranlasste sogar Papst Paul V., den Wissenschaftler mit Ehren zu empfangen. Da ahnten die Herren der Kirche noch nicht, welch große Gefahr für ihr Weltbild von den Entdeckungen dieses Mannes ausging.