Zuerst glaubten die Hamburger Schulräte sich verhört zu haben. "Jungen lernen im Gymnasium praktisch nichts dazu", flüsterte man sich zu. Die stille Post in den Behördenfluren war kein Gerücht. Vor allem an der deutschen Sprache hapere es, insbesondere bei der "männlichen Schülerschaft der Gymnasien, für die in den Klassenstufen 7 und 8 praktisch kein Zuwachs mehr nachweisbar ist".

So liest sich die Offenbarung im neuesten Befund der Studie "Lau". Das Kürzel steht für "Lernausgangslage und Lernentwicklung". Im Gegensatz zur internationalen Vergleichsstudie Pisa, die Fähigkeiten Gleichaltriger zu einem bestimmten Zeitpunkt testete, begleitet die Längsschnittstudie Lau Hamburger Schüler seit 1996 durch die weiterführenden Schulen. Alle 12 620 Neuntklässler der Hansestadt mussten gleichzeitig Fragen zu Prosatexten beantworten, Mathematikaufgaben lösen und englische Texte ergänzen. Zwei Jahre zuvor waren sie für Lau 7 untersucht worden. Dabei entsteht das feinkörnigste Bild, das die Erziehungswissenschaft von der Leistungsentwicklung des deutschen Nachwuchses entworfen hat. Lau stellt die wichtigste Frage nach dem Mehrwert der Schule: Was lernen Kinder innerhalb eines Zeitraums hinzu, kurz, was bringt der Unterricht?

Besonders für viele Gymnasiasten lautet die Antwort: zu wenig. Am besten sieht es noch in Englisch aus. In diesem Fach wird in allen Schulformen ein deutlicher Anstieg der Lernkurve registriert. Für den Mathematikunterricht lautet das Urteil dagegen. "Der mit Abstand geringste Lernzuwachs zeigt sich in den Gymnasien." Dagegen schnitten Hauptschüler und das untere Niveau in Gesamtschulen in diesem Fach günstiger ab. Ähnliche Kurven zeigt das Kapitel zum Thema Lesen. Auch hier erzielen Gymnasien im Vergleich zu anderen Schulen den geringsten Lernzuwachs.

Der absolute Tiefpunkt jedoch wird ausgerechnet bei jener Kulturleistung gemessen, die das Gymnasium krönen soll: Beim Beherrschen der deutschen Sprache zeigen Gymnasiasten in den Klassen 7 und 8 kaum messbaren Fortschritt. Während Mädchen und leistungsschwächere Jungen noch leichte Gewinne verbuchen, wird hier zum ersten Mal einer Gruppe bescheinigt, dass sie in der Schule nachweisbar kaum klüger geworden ist: Gerade bei Jungen aus der oberen Leistungsgruppe im Gymnasium stagniert die Sprachentwicklung im Vergleich zum Test in Klasse 7.

Der Leiter der Studie, Rainer Lehmann von der Humboldt-Universität, wollte das Ergebnis zunächst nicht glauben und suchte nach Fehlern im Test oder in der Auswertung. Er wurde nicht fündig. Vielmehr fügt sich das erstaunliche Ergebnis in das Gesamtbild, das die Studie "Homogenisierung der Leistungsstände zur Mitte hin" nennt. Das Gymnasium nivelliert die guten Leistungen nach unten. Der Verdacht, den konservative Kritiker bislang gegen die Gesamtschule vorbrachten, trifft nun das Lieblingskind unseres Systems. "Während von einem gegliederten Schulwesen zu erwarten ist", schreiben die Forscher, "dass sich das Leistungsspektrum von Klassenstufe zu Klassenstufe immer mehr verbreitet, weil in den verschiedenen Schulformen unterschiedlich schnell und anspruchsvoll gelernt werden soll, scheint sich in Hamburg die Leistungsstreuung in Mathematik und Deutsch zu vermindern." Nur in Hamburg?

Andere Bundesländer haben sich bisher nicht so tief in die Karten schauen lassen. Pisa jedenfalls konnte die Erwartung nicht bestätigen, im Gymnasium würden die Besten besser - der Hauptgrund zur Rechtfertigung des deutschen Sonderwegs "frühe Selektion". Im Gegenteil: Die deutsche Leistungsspitze nennt Pisa-Chef Jürgen Baumert im internationalen Vergleich "sehr unauffällig". Nun gerät das Gymnasium in den Fokus der Aufmerksamkeit. "Es ist eben die Schule mit dem langweiligsten Unterricht", bemerkt eine Oberschulrätin in der Hamburger Schulbehörde, die anonym bleiben will. Und sie fügt hinzu, es sei auch die Schule mit der geringsten Kooperation unter den Lehrern.

Dass Pisa ein durchaus realistisches Bild deutscher Schulwirklichkeit zeichnete, bestätigt die Hamburger Lau-Studie auf zwei weiteren Feldern. Ähnlich wie Pisa zeigt auch Lau, dass das deutsche Schulsystem intellektuelle Kapazitäten brachliegen lässt. Fast die Hälfte der Hamburger Realschüler erreicht immerhin unteres gymnasiales Niveau, 3,3 Prozent den gymnasialen Durchschnitt.