Als ich im Fernsehen sah, wie die Flugzeuge ins World Trade Center rasten, habe ich nur gedacht: Wie krank müssen diese Leute sein? Dass sich durch den Terror auch mein Berufsleben verändern würde, damit habe ich natürlich überhaupt nicht gerechnet.

Aber es dauerte nicht lange. Zwei Wochen nach den ersten Milzbrandalarmen in Deutschland wollte meine Kollegin in der Zustellbasis einen Brief aus dem Libanon einsortieren. Sie hatte ihn schon in der Hand, als weißes Pulver aus dem Umschlag rieselte. Da war es passiert. Kurz vorher hatten wir ein Merkblatt bekommen, wie wir uns in solchen Fällen verhalten sollten: die Vorgesetzten verständigen, Fenster schließen und bloß nicht den Raum verlassen. Atemschutzmasken? Schutzanzüge? Von wegen. Bei uns in Velbert, hieß es immer, kann so etwas doch nicht passieren. Als nach anderthalb Stunden die Feuerwehrleute kamen, riefen sie nur: "Seid ihr bekloppt? Raus hier, sofort!"

Zwei Tage lang lebten wir in Angst, dann erst kam die Entwarnung: nur ein harmloses Pulver. Trotzdem ist es in der Zwischenzeit keinem eingefallen, zu Hause zu bleiben oder Urlaub zu nehmen. Erstaunlicherweise blieben die älteren Kollegen gelassener als die jungen - die sahen das gar nicht so locker. Wir haben dann mal in Ruhe bei einer Tasse Kaffee über alles gesprochen. Unsere Kunden, muss ich sagen, waren auch sehr verständnisvoll, es hat sich niemand beschwert über die verspäteten Zustellungen. Vierzehn Tage später bekamen wir dann Schutzhandschuhe. Sonst ist nichts passiert. Jetzt im Weihnachtsstress haben wir allerdings auch ganz andere Sorgen. Und wir suchen händeringend nach neuen Kollegen - zur Verstärkung.