Es gibt Tage, da muss auch "45-Kilo-Clärchen" arbeiten. Muss Leicht-und-lecker-Schmackos testfressen, und ist die Schüssel leer, freut sich der Marketingmensch. An solchen Tagen ist es praktisch, dass Kampfhund Clärchen seit dreieinhalb Jahren täglich mit Frauchen Cornelia Ewering ins Büro kommt und Frauchens Job zum Haustier passt: Die promovierte Tierärztin arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit beim Tierfuttermittelhersteller Masterfoods im niedersächsischen Verden. Klar, dass da die Kollegen ein Herz für Tiere haben - und Clärchen an manchen Tagen durchaus gebraucht wird.

Aber: Hat es auch in anderen Branchen Sinn, ein Tier mit an den Arbeitsplatz zu nehmen? Was hat der Hund, der Fisch, der Papagei davon? Ist es überhaupt erlaubt, während der Arbeitszeit Gassi zu gehen oder das Aquariumswasser zu wechseln? Oder sollte ein Haustier da bleiben, wo es, dem Begriff nach hingehört: zu Hause?

Bevor Clärchen mit ins Großraumbüro durfte, musste sie sich bewähren. Der Bullmastiff-Rottweiler-Mischling war beim Bewerbungsgespräch mit dabei, und das ist offenbar nicht nur für Frauchen gut gelaufen. Die Einstellungskriterien für Tiere, wenn man so will, beschreibt Margit Kolbe-Hopp, Pressesprecherin von Masterfoods, so: "Bedingung ist, dass das Tier sich anständig benimmt, gut erzogen ist und sich mit allen verträgt." Dann dürfen Hund, Katze und Maus gern mitkommen.

Heute ist Ewerings Schreibtisch einer der "am meisten frequentierten", sogar Kollegen, die Angst vor Hunden hatten, tätscheln dem Kampfhund über den Kopf, und es kommt vor, dass die, die einen schlechten Tag haben, bei Clärchen Trost suchen und sie einfach nur streicheln wollen. Und Cornelia Ewering genießt es, wenn sie unter den Tisch fasst, dass eine feuchte Zunge ihre Hand leckt. Dann arbeitet sie weiter und denkt sich: "Die akzeptiert mich, auch wenn ich Fehler mache." In der Mittagspause und einmal am Nachmittag wird Clärchen Gassi geführt - dass dies während der Arbeitszeit passiert, ist laut Margit Kolbe-Hopp kein Problem, denn "andere gehen eine rauchen".

Die 23-jährige Sina S. sagt, seit ihr zwei Monate alter Mischling Luna unter dem Schreibtisch liegt, sind die Kollegen ausgeglichener und weniger zickig, gestritten wird kaum noch. Luna darf nur im Notfall mit in die Redaktion, so ist es mit der Chefin abgemacht, aber was ein Notfall ist, bestimmt Sina. Ein Notfall ist, wenn Sina Freitagnachmittag nach Hause zu den Eltern fährt, ein Notfall ist die Eingewöhnungszeit an Frauchen, ein Notfall ist, wenn der Hundesitter, der nach dem Tagesmutter-Prinzip organisiert ist, keine Zeit hat. Vielleicht ist ein Notfall auch dann, wenn die Kollegen wieder zickig werden, an Tagen, an denen Luna beim Hundesitter ist.

Tiere als Therapeuten

Das wäre ganz im Sinne des Psychologen. "Ein Tier", sagt Laszo Pota, "kann durch seine bloße Anwesenheit unterstützend und helfend wirken und als Partner fungieren." Zum Beispiel bei jener Anruferin, die sich nach den Terroranschlägen vom 11. September bei der Hotline des Berufsverbandes deutscher Psychologen meldete und Pota erzählte, dass sie Angst habe, in ihrem Büroturm nahe dem Frankfurter Flughafen, aber zum Glück habe sie ja ihren Hund dabei. Der gebe ihr Sicherheit. Oder im Fall jener Frau, deren Job es war, die zehn Fahrer einer Kölner Spedition zu organisieren, die täglich allein im Büro hockte und auf einen Hinterhof blickte und die eines Tages ihre zwei Papageien mitnahm. Gegen die Einsamkeit.