Lernen fiel mir immer leicht, nur den Schnabel konnte ich nie halten, schon in der Grundschule nicht, die ich in Paris besuchte. Meine Mutter versprach mir Rollschuhe, wenn sich meine Verhaltensnote besserte. Fast hatte ich die Höchstpunktzahl 20 erreicht, als sich unser Lehrer über einen Mitschüler ärgerte und schimpfte, für wen er ihn wohl halte. "Für ein Arschloch", platzte ich dazwischen. Die Klasse lachte, der Lehrer bat meine Mutter zum Gespräch und zog mir zehn Punkte ab - nicht weil er sauer war, sondern weil ich lernen sollte, mich zurückzuhalten. Das haben noch viele Lehrer vergeblich versucht.

Wiederum durch einen Deal, durch die Aussicht auf besonders viele Geschenke, wollte mich Mutter zur Bar-Mizwa überreden, dem Bekenntnis zur jüdischen Religion. Ich war damals elf und winkte ab: Die Geschenke kriege ich zu anderen Anlässen sowieso, und an Gott glaube ich nicht. In unserer Familie spielte Religion eigentlich keine Rolle. Mein neun Jahre älterer Bruder hatte die Bar-Mizwa ebenfalls verweigert. Vater, ein linker Atheist, verließ 1933 Deutschland, weil ihm als Anwalt der Roten Hilfe die Verhaftung drohte und nicht wegen seiner jüdischen Abstammung. Weil keiner von außen erkennen sollte, dass wir Juden sind, lehnte er für seine Söhne die traditionelle Beschneidung ab. Mutter war auch nicht religiös, aber in der jüdischen Gemeinde sozial engagiert und hätte gerne ein schönes Fest ausgerichtet. Vor allem war sie eine sanfte Zionistin.

Ihre Versuche, mich für jüdische Traditionen zu begeistern, scheiterten, ihre soziale Offenheit und Formulierfähigkeit jedoch waren mir ein großes Vorbild. An Vater orientierte ich mich intellektuell, obwohl er fast eine Fata Morgana war: Als sich meine Eltern trennten und er nach Deutschland zurückging, war ich fünf Jahre alt und sah ihn nur noch selten.

Politisch prägte mich mein Bruder. Schlüsselerlebnis war der Einmarsch der Russen in Ungarn 1956. Mein Bruder, der sich den Kommunisten angeschlossen hatte, kam zu Besuch und klagte, den Tränen nahe, meiner Mutter seine Enttäuschung über die Zerschlagung der ungarischen Revolution. Ich hörte mit spitzen Ohren zu und wollte ihn unbedingt auf eine Demonstration begleiten, bei der er gegen die kommunistische Politik und damit gegen eigene Parteigänger agitierte. Die aufgeheizte Stimmung dort erschreckte und faszinierte mich. Die Kommunisten verschanzten sich in ihrem Parteigebäude. Auf der einen Seite wurden sie von ein paar tausend Linksradikalen, unter denen auch wir waren, mit lautstarken Parolen angegriffen. Von der anderen Seite marschierten die Faschisten gegen sie auf, behängt mit Eisenstangen, und warfen Molotowcocktails. An diesem Tag wurde ich, schon als Elfjähriger, emotional zum Antikommunisten. Durch viele Gespräche mit meinem Bruder vollzog ich passiv seine kritische Auseinandersetzung mit dem real existierenden Kommunismus und Leninismus mit und seine Hinwendung zu den Libertären, bei denen ich dann mit 20 meine aktive Laufbahn begann.

1958, ich war 13, musste ich mit meiner Mutter nach Deutschland umziehen, weil sie in Frankfurt meinen schwer erkrankten Vater pflegte. Mein Bruder blieb in Frankreich. Ich wollte unter keinen Umständen in das Land mit dieser Nazivergangenheit und war erst beruhigt, als Mutter mich an der Odenwaldschule in Oberhambach bei Darmstadt anmeldete. In diesem Internat lehrten Ernest Jouhy, ein Exkommunist, und seine Frau Lydia. Wir kannten die beiden aus Frankreich. Wie meine Eltern leiteten sie im Krieg ein Heim für jüdische Exilkinder. Das war für mich Gewähr, dass in dieser Schule keine Nazis unterrichteten. Zweisprachig aufgewachsen, lebte ich mich rasch ein.

Besondere Freude machte mir die Theatergruppe. Ich liebte es, Stücke zu inszenieren und von der Bühne aus Leute zu faszinieren und zu verführen. Im Eingebildeten Kranken von Molière durfte ich sogar die Hauptrolle spielen.

Ich war anerkannt und so beliebt, dass ich mit 16, als jüngster in der Schulgeschichte, zum Präsidenten des Schülerparlaments gewählt wurde. Der aufgeschlossene Geist der Schule prägte mich und hielt mich hier auch nach dem Tod meiner Eltern. Nach dem Abitur 1965 kehrte ich zurück nach Paris. Angeregt durch eine Schulfahrt ans Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, wollte ich Bildungsplaner werden. Dazu hätte ich außer Soziologie auch Mathematik studieren müssen. Das versuchte ich zwei Wochen lang, verstand aber nur Bahnhof und gab auf. Ich wechselte nach Nanterre, wo ich mich den Libertären anschloss. Wir machten die Soziologie-Vorlesungen zum Forum politischer Diskussionen. Irgendwann hatte ich den Beinamen Danton, Sinnbild für einen hedonistischen Rebellen. Das gefällt mir noch heute - und ist allemal besser, als ein Robespierre zu sein.