Merkwürdig, der Blick in die Zukunft der Deutschen lässt erschreckende Entwicklungen erwarten. Doch niemand scheint sich dafür zu interessieren. Nicht die Politik und auch nicht die Wirtschaft. Es geht um die absehbare dramatische Bevölkerungsentwicklung hierzulande. Die Lasten der Sozialsysteme drohen ihre Träger zu erdrücken, die Staatsquote wird explodieren, und die Unternehmer werden vergeblich nach jungen, gut ausgebildeten Nachwuchskräften Ausschau halten. Die Gesellschaft wird zunehmend von Alten dominiert.

Die "grauen Sorgen" würden größer als die "grünen Sorgen", warnte der Managerkreis der SPD in seinem jüngst von der parteieigenen Friedrich-Ebert-Stiftung vorgelegten Positionspapier Deutschland in den nächsten 30 Jahren: Die Zukunft gestalten. Aber die Warnung verhallt weitgehend ungehört. Das Tagesgeschäft absorbiert alle Aufmerksamkeit. Der SPD-Generalsekretär Franz Müntefering beispielsweise, der auf einer Konferenz mit diesen Befunden konfrontiert wurde, wollte vor allem "die nächsten Wahlen gewinnen". Seine Counterparts in den anderen Parteien reagieren nicht anders. Langfristdenken ist in unserer kurzatmigen politischen Arena chancenlos. Notfalls macht man sich über solche Prognosen lustig. Jeder gelernte Redner hat einige gute Beispiele parat, die belegen, dass es mit der Weitsicht der professionellen Prognostiker nicht so weit her sei.

Das gilt für Warnungen, die bereits in den frühen achtziger Jahren auf die ausweglose Situation der Rentenversicherung aufmerksam machten. Oder für die fatalen Folgen einer übermäßigen Fesselung der Arbeitsmärkte für die Beschäftigung.

Die beängstigenden Fakten für die Zukunft sind der drohende Bevölkerungsschwund und die Alterung der deutschen Gesellschaft. Und die lassen sich für die nächsten 30 Jahre ziemlich exakt vorausberechnen (siehe Grafik).

"Kein Land hat jemals einen Alterungsprozess bewältigt, wie er der Bundesrepublik und den anderen Ländern der EU bevorsteht", heißt es dazu in dem SPD-Papier. Immer weniger Erwerbspersonen müssen immer mehr Rentner finanzieren. Nicht nur deren Renten, sondern auch deren Pflege und Gesundheitsversorgung.

An der demografischen Entwicklung lässt sich erfahrungsgemäß kaum und nur sehr langsam drehen. Die Zahl derjenigen, die in den nächsten 30 Jahren in Rente gehen, ist bekannt. In diesen Alterssegmenten gibt es nur zwei "weiche Stellen" für die Zweifler an langfristigen Prognosen: Die Sterberaten könnten sich anders als erwartet entwickeln, und die Höhe der Wanderungen von Ausländern über die deutschen Grenzen bleiben spekulativ. Mit Epidemien oder Megakatastrophen ist indes kaum zu rechnen. Und die medizinischen und biotechnischen Fortschritte werden in naher Zukunft nicht zu einer kräftigen Verlängerung der Lebenserwartung führen. Das ewige Leben auf Erden ist vorerst eine Utopie.

Bei den Wanderungen allerdings bleibt eine gewisse Unsicherheit. Und bei den unteren, den jungen Schichten der Alterspyramide sind Verhaltensänderungen möglich. Die Zahl der Kinder, die in den nächsten 30 Jahren in Deutschland geboren werden, ist somit noch kein unverrückbares Datum. Zwar ist die Anzahl der "gebärfähigen" Mütter in diesem Zeitraum weitgehend bestimmt. Aber vielleicht gelingt es, mit einer wirksamen Familienpolitik und Förderung die Lust auf Kinder zu erhöhen. Heute kommen auf zehn deutsche Erwachsene nur noch sechs Kinder. "Jede nächste Generation wird dabei in Deutschland um ein Drittel kleiner", schreibt Ulrich Pfeiffer in dem Papier der Friedrich-Ebert-Stiftung. Daran können mehr zuwandernde junge Ausländer auch nur marginal etwas ändern. Zehn im Ausland Geborene bekommen im Durchschnitt in Deutschland noch neun bis zehn Kinder.