Rothermund: Ich hoffe, sie kann noch abgewendet werden. Aber man muss sich vorstellen, dass nach der Attacke auf das indische Parlament vor wenigen Wochen der indische Premierminister Vajpayee in einer Situation ist, die genau der entspricht, in der Präsident Bush in Amerika nach dem 11. September gewesen ist. Das war eine ganz massive Attacke islamischer Terroristen auf das indische Parlament. Er ist gezwungen, etwas zu tun. Er ist an und für sich ein besonnener Mann, wie sich gezeigt hat, als der damalige Armee-General Musharraf in Kaschmir den Überfall auf Indien organisiert hat, der zum ersten konventionellen Krieg zwischen Atommächten geführt hat.

Capellan: Das heißt also Ihrer Ansicht nach, Herr Vajpayee hat Recht wenn er sagt, wir wollen diesen Krieg nicht, aber er wird uns aufgezwungen von den Pakistani?

Rothermund: Ja. Er ist gewissermaßen auch innenpolitisch gezwungen, dieses nicht wieder hinzunehmen. Es gab ja davor schon einen Vorfall, am 1. Oktober dieses Jahres, als dieselbe Organisation, "Die Armee des Mohammed" unter der Führung von Massud Azhar, den Landtag von Srinagar in einem Selbstmordkommando angegriffen hat; damals gab es 38 Tote. Danach hat der indische Außenminister in Washington deutlich gesagt, wir wollen das jetzt nicht hochspielen, um nicht Amerika in der Afghanistan-Frage in den Rücken zu fallen. Daher kam das auch kaum in die Presse, aber Indien hat sich das natürlich gemerkt. Und Massud Azhar, das ist der pakistanische Terrorist, der durch die Flugzeug-Entführung von Kandahar im Dezember 1999 frei gepresst wurde und der vorher fünf Jahre wegen terroristischer Aktivitäten im Gefängnis saß, hat inzwischen seine neue Organisation aus dem Boden gestampft; er arbeitet eng mit Bin Laden zusammen und hat sich auch sofort zu dem Attentat auf den Landtag bekannt. Jetzt weiß man, da einige der anderen Attentäter beim Angriff auf das indische Parlament umgekommen sind und man sie identifizieren konnte, dass auch sie zu dieser "Armee des Mohammed" gehörten.

Capellan: Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage, welche Möglichkeiten hat der pakistanische Präsident Musharraf überhaupt, gegen muslimische Separatisten, gegen Extremisten vorzugehen? Man muss ja sehen, er steht innenpolitisch extrem unter Druck.

Rothermund: Es gibt ja immer wieder mal Spekulationen, dass er diesen Terroristen freie Hand lässt, gerade weil er in besonderer Weise mit Amerika zusammen gearbeitet hat und sich dadurch gewisser Kritik ausgesetzt hat. Aber ich fürchte, er hat auch nicht alles voll unter Kontrolle. Er kann zwar jetzt sagen, ich habe da und da die Konten eingefroren, aber all diese Organisationen arbeiten weltweit; auch der besagt Massud Azhar, der sehr viele internationale Kontakte hat und sehr viel Geld international gesammelt hat für seine Aktivitäten. Die sind nicht so ohne weiteres von Musharraf in den Griff zu kriegen.

Capellan: Würde er sein Amt riskieren, wenn er nun vehement gegen solche Terroristen vorgehen würde?

Rothermund: Das ist die Frage. Er hat auch noch Offiziere, die sehr mit den Taliban sympathisiert haben, Massud Azhar ist beispielsweise auch bei den Taliban ausgebildet wurden. Die pakistanische Armee hat auch großes Interesse daran, die Sache immer am brennen zu halten, weil sie fast die Hälfte des Sozialprodukts von Pakistan verzehrt; eine Armee, die den Staat sozusagen kontrolliert und aus der Bedrohung heraus ihre Legitimität ableitet.