Die Währung von Entenhausen

"Werd nicht poetisch, die Pinke kommt." Mit diesem einschlägigen Satz weist Panzerknacker 176-840 in Carl Barks' klassischem Dagobert-Duck-Strip Der arme reiche Mann einen Berufskollegen in die Realität zurück. Denn dieser träumte sich soeben in die Erhabenheit eines großen Naturschauspiels, das in den sich mit "fernem Donnergrollen" ankündigenden, nun aber mit der monumentalen Wucht eines brechenden Staudamms heranflutenden "Fantastilliarden" des Scrooge-Erpels eine durchaus eindrucksvolle monetäre Wende nimmt.

Werden also auch wir nicht poetisch und lassen uns von dem Naturschauspiel der durchaus bewundernswerten Organisationsleistung beeindrucken, mit der mehr als 300 Millionen Menschen auf einen Schlag neue Münzen und Geldscheine in ihren Brieftaschen haben sollen. Der größte Wechselcoup der Weltgeschichte. 12 Milliarden Banknoten, 70 Milliarden Münzen müssen in 12 Ländern Europas und in ihren Assoziierten (Vatikanstadt, San Marino, Andorra) verteilt, Preise entsprechend den 12 unterschiedlichen Landeswährungen auf jeweils zwei Stellen hinter dem Komma neu gestaltet werden.

Höhere Preise wofür?

In Deutschland bedeutet dies, dass der bis zum 31. 12. 2001 gültige Kurs von D-Mark zu Euro (1 ¤ = 1,95583 DM) bei der Preisgestaltung "vor Ort" bei Endzahlen zwischen eins und vier ab-, bei denen zwischen fünf und neun aufgerundet wird. Wer gewinnt dabei? Natürlich der Verkäufer, denn er hat eine Stelle mehr zur Verfügung. Ein Prozess, der schon längst im Gange ist, uns also mit größerer Wahrscheinlichkeit höhere als niedrigere Preise im Jahr 2002 bescheren wird.

Aber selbstverständlich geht es beim Euro gar nicht um schnöden Mammon, sondern um höhere Werte. Nehmen wir also höhere Preise in Kauf, um eines höheren Guts willen. Welches Gut aber? Längst haben wir erkannt, dass die offiziellen Erklärungen zugunsten des Euro nur ökonomische Scheinrationalisierungen bieten. Wenn es also heißt, der Euro fördere ein homogenes Preissystem in Europa, erleichtere die Marktentscheidungen der Verbraucher, verringere die Transaktionskosten, beseitige die Gefahr innereuropäischer Währungsspekulationen und schaffe die Voraussetzung für einen freien Verkehr von Arbeit, Waren, Dienstleistungen und Investitionen - so hören wir das gern, wissen aber: Das kann nicht alles sein. Was etwa bewegte den Altkanzler Kohl - von dem wir doch wussten, dass ihm Wirtschafts- und Finanzpolitik Hekuba war -, was also bewegte den Altkanzler zu seinem vorbildlichen Engagement zugunsten einer einheitlichen europäischen Währung? Gewiss, einige Miesmacher behaupten, es sei gerade seine Ignoranz gegenüber dieser hermetischen Materie gewesen, die ihn fröhlich erklären ließ: "Das machen wir jetzt mal." Aber so funktioniert Politik natürlich nicht. Sie ist vielmehr das klassische Feld der Visionen. Sollte es also die Vision einer ungehinderten monetären Dienstleistung zugunsten politischer Parteien gewesen sein? Für ein Europa, in dem nicht mehr Männer in grauen Anzügen und prall gefüllten Aktentaschen über Rollfelder hetzen müssen, um diese Institute des Gemeinwohls ungehindert ihre fürsorgliche Tätigkeit zu dessen Gunsten ausüben zu lassen? Wohl kaum. Denn die Schweiz bleibt auch die nächsten zehn Jahre unwiderruflich draußen.

Es kann also doch nur um das Geld selbst gegangen sein und fürderhin auch gehen. Um mehr Geld? Weniger? Geld für alle? Oder für keinen? Weder noch. Es ging und geht um nichts anderes als um den Begriff des Geldes. Seine Bedeutung also. Die berühmte Frage an das Geld war schon immer diese: Warum hält man ein rundes Stück Metall oder ein Stück Papier mit der Unterschrift eines Politikers, den man nicht gewählt hat, für so wertvoll, dass man dafür arbeitet, Kartoffeln erntet, Grundstücke abgibt oder in Banken einbricht? Die uns zunächst beruhigende Antwort: weil man sich dafür Dinge und Leistungen kaufen kann, die man sonst nicht erhielte, vermag uns nicht zu überzeugen. Denn sie spart aus, dass wir erwarten, dass wir diese Dinge und Leistungen tatsächlich erhalten, obwohl wir doch so gut wie nichts - Metall, Papier - dafür geben.

Das Geld also verweist auf etwas, transzendiert die uns einschränkenden Verhältnisse - etwa schon die Tatsache, dass wir ohne Geld gar nicht in der Lage wären, einen Schweinebraten zu erhalten, selbst wenn das Schwein sich uns gleichsam willig zu Füßen legte. Geld ist somit ein Transporteur unserer Wünsche mit der verblüffenden Funktion, sie - zumindest potenziell - auch zu erfüllen. Die alte Goldwährung hatte diesen Zusammenhang insofern realisiert, als sie im Glanz des Goldes das "auratische" Motiv der Wunschprojektion und Wunscherfüllung versammelte. Tatsächlich aber bot die Gelddeckung der älteren Währungen nur die Verschiebung des Problems des Geldgeheimnisses. Denn das Gold funktionierte allein als sichtbare, erhabene, magische Materialisation der Wunschverbindung aller. Der "starke Diskurs" des Beziehungsfeldes zwischen Wunschprojektion und Wunscherfüllung sicherte und sichert dem Gold seinen Rang. Es ist das Materie gewordene Märchenmotiv der Verwandlung aller Dinge zu allen Dingen - des substanziellen Tauschs. Daher lesen wir zwar mit Lust und Amüsement, das Geld sei die säkularisierte Fassung der Hostie - rund wie sie, geprägt wie sie und zur substanziellen Verwandlung fähig wie sie. Der Leib Christi in Warenform.

Die Währung von Entenhausen

Doch das Gegenteil ist richtig. Die Hostie ist die religiöse Fassung der Münze, hat von ihr im Hochmittelalter ihre Form entliehen, ihre Ikonografie geborgt und vor allem: ihre unbegrenzte Verwandlungsfähigkeit abgekupfert und wie bei allem Falschgeld als Original ausgegeben. Die Münze als Transporteur der Wünsche aber war das Original. Denn nur sie funktionierte als Medium der Verwandlung. Begehrt waren daher in den alteuropäischen Münzgeldsystemen solche Währungen, die diesen Zusammenhang berücksichtigten. Florenz und Venedig sicherten den Besitzern der von ihren "Zecche" geprägten Münzen den realen Gegenwert in Gold, Silber oder sogar Kupfer - auch wenn die vorgelegte Münze durch Benutzung oder "Kippen" (Abschneiden) an Metallwert eingebüßt hatte. Die Münze war hier wirklich Medium, sie transportierte die Wunschprojektion und Wunscherfüllung ihres Besitzers. Oder anders gewendet: Sie war Kredit, Transporteur des "Glaubens" an die Erstattung ihres nominellen Wertes. In dem Maße also, in dem die moderne Geldentwicklung den Metallwert als die die Zusammenhänge verstellende Verdinglichung abstreifte, stieß sie über Papiergeld, Fortfall der Gold-Deckung des Dollar 1971 und Bip-Money zum wahren Wesen des Geldes vor: Geld ist Kredit.

Die Transzendenz des Geldes

Aber was heißt das? Nicht mehr und nicht weniger, als dass Geld das Medium, der Transporteur aller Wunschprojektionen und Wunscherfüllungen der Gesellschaft ist, in der es zirkuliert. Die Tragik von Kultur und Geld, schreibt Simmel in seiner Philosophie des Geldes, liegt darin, dass beide die Möglichkeit zur Aneignung der Dinge besitzen und im Prozess der Aneignung diese Dinge verwandeln, sie gleichgültig werden lassen, um Platz zu machen für neue Wünsche. Kultur und Geld sind daher für ihn die wahren Produzenten des Imaginären. Um diese Rolle spielen zu können, muss aber Geld ein knappes Gut bleiben. Denn das Problem der Wunschmaschine ist nicht die Erfüllung der Wünsche, sondern ihre Begrenztheit.

Aber eben darüber ist nicht zu reden. Wer das Wünschen für begrenzt erklärt, hat den Zauber gebrochen. Wunschlos glücklich - das wäre der "horror vacui". Und Gott sei Dank existiert Hans im Glück nur im Märchen und kann dort sein Glück genießen, endlich alles Geld und Gut losgeworden zu sein. Sein Glück allerdings beruht darauf, dass ihn die Wunschmaschine Geld - im unaufhörlichen Tausch nämlich erschafft er Geld - nicht mehr antreibt. Welt ohne Wachstum. Wohin treibt uns der Euro? Angeblich nach Europa. Das allgemein Imaginäre als konkrete Utopie? Geld als Schmiermittel der Politik? Es sähe dem Altkanzler ähnlich, es so gesehen zu haben. Der Satz, den der französische Währungsexperte Jacques Rueff 1950 in für seine Landsleute so bezeichnender Neigung zum Aphorismus - in jedem steckt ein kleiner Chamfort - über Europa und Geld von sich gegeben hat, habe ihn sehr beeindruckt, heißt es. Rueff sagte: "L'Europe se fera par la monnaie ou se fera pas" - Europa entsteht über das Geld, oder es entsteht gar nicht. Was immer Rueff damit gemeint hat, der Euro wird es wohl nicht gewesen sein. Denn eine Währung mit politischen Transportfunktionen - als Medium also der Politik - ist keine Währung. Sie mag zum nationalen Symbol werden wie die D-Mark oder in ganz anderer Weise die italienische Lira. Aber sie wird es nur, weil sie als "Währung" funktioniert. Weil sie die Art und Weise bestimmt, wie die Tauschweisen einer Gesellschaft funktionieren - als "Substanz gewordene Sozialfunktion", wie Simmel es in seiner unnachahmlichen Trockenheit nennt. Der Euro soll aber offenbar nicht Sozialfunktion werden, soll nicht das "Imaginäre" der europäischen Gesellschaften schaffen, sondern nur zwei Aufgaben erfüllen: auf dem Geldmarkt als stabile Größe erscheinen und Politik machen. Aber gerade dazu fehlt es wiederum an Mitteln. Denn auf elastische Budgetpolitik haben die Teilnehmerstaaten im Interesse ihres Götzendienstes am Wert der "Stabilität" ausdrücklich verzichtet. Eine dynamische Entwicklung der Sozialfunktion des Geldes wird es also nicht geben. Und sie wird aufgrund des Demokratiedefizits der europäischen Institutionen auch kaum rasch "von unten" herbeizuführen sein.

Der Euro ist also eine Währung, die sich von der offenen Medialität des Geldes verabschiedet. Seine beiden übrig gebliebenen Hauptfunktionen machen ihn jedoch zum idealen Transporteur der Wunsprojektionen und Wunscherfüllung jener politischen und wirtschaftlichen "Elite", die ihn immer gewollt hat. Der Euro ist ihr Geld. Das zeigt sich auch ikonografisch. Die Banknoten bieten die Simulation europäischer Gebäude, die so wirken, als hätte Arnold van Gennep sie als Illustration für seine Rites de passage entworfen. Brücken, Tore, Fenster - lauter Wege und Blicke ins Nirgendwo. "In eine bessere Zukunft", sagen die einen; "in den Abgrund", die anderen. Tatsächlich aber sind es Bilder wie ein mittelteurer Boss-Anzug: stereotyp, aseptisch und von jener Bankeleganz, die uns unablässig daran erinnert, dass wir schon wieder vergessen haben, uns die Zähne zu putzen. Soll dieser Euro der Stier sein, der Europa zu neuen Gestaden führt? Noch ähnelt er eher einem goldenen Kälbchen, das zum Tanz lädt. Rundherum, aber kaum vorwärts.

Hinter Dagobert Duck sind bekanntlich nicht nur die Panzerknacker her, um sein Dollar-Silo zu sprengen. Auch ein gewisser McMoneysac hat es auf ihn abgesehen. Er will ihn allerdings nur als reichste Ente der Welt überbieten. Moneysac taucht dabei in vielfältigen Verkleidungen und unter mehreren Namen auf: als Monsieur Portemonnaie, Minher van Geldenbeudel oder auch Señor Sacco de Moneda. Kurz: Moneysac ist der Euro, und er will den Dollar auf den zweiten Rang drücken. Bei Barks endet die Geschichte damit, dass eine Mischung aus Voodoo-Priester und Medizinmann die Geldhaufen der beiden Kontrahenten mit einem Zauberwasser schrumpfen lässt - ein Gruß der Dritten Welt. Dennoch siegt Dagobert, also der Dollar. Die Geschichte hat aber noch eine Metamoral: Sie reduziert das Geld zu einer Spielmasse zweier narzisstischer Altkapitalisten. Mit dieser Botschaft sind schon "Generationen" von Amerikanern und Europa frühkindlich vertraut gemacht worden. Vielleicht ist der Euro nichts anderes als Geld dieser Generationen, das erste postmoderne Geld der Geschichte. Tauschmittel und Spielzeug einer Makrogesellschaft, die ohne Transzendenz und ohne "das Imaginäre" auskommt. Bürger einer Welt ohne Entropie, aber mit Wünschen, die alle sofort erfüllt werden, wenn auch nicht immer so, wie man es sich vorstellte. Kurz: Der Euro ist die Währung von Entenhausen.