Die Bundeswehr zieht nach Afghanistan, wo die Luft bekanntlich viel Blei enthält. Deutschlands Verteidigungsminister Rudolf Scharping hingegen steht schon vorab einsam unter Beschuss, und das an der Heimatfront.

Was ist geschehen? Der erste Tag der traditionellen Nato-Herbsttagung in Brüssel war vorbei, der Minister instruierte zu später Stunde die Presse, bei viel Rotwein und unter dichten Rauchschwaden. Es kommt, wie's kommen muss, die Frage, die seit Wochen die Welt beschäftigt: Was folgt nach Afghanistan? Der Minister spricht bedeutungsvoll: "Jeder, der Somalia ausschließt, ist ein Narr." Und fügt hinzu: "Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann und Wie."

Diese Äußerung findet ihren Weg in die frische Luft - zunächst "deutschen Regierungskreisen", dann dem Minister selbst zugeschrieben -, der Eklat folgt prompt. Augenrollen in der Koalition, Naserümpfen im Auswärtigen Amt ("absonderliche Meldungen"), Rücktrittsgebell aus der Opposition. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bemerkt herablassend, der Deutsche habe sich vergriffen - "jetzt tut es ihm vermutlich leid, aber er hat sich komplett geirrt". Scharping aber, statt seine Bemerkung abzustreiten, erklärt gegenüber einer Boulevardzeitung das Gegenteil seiner Äußerungen vom Vortag. Konfusion in der Kapitale!

So weit die Ereignisse. Doch geriet Scharping zu Recht ins Kreuzfeuer? Den Selbstverteidigungsminister gibt er nicht zum ersten Mal. Im Sommer gab der Minister die Aufmarschroute der deutschen Mazedonien-Truppe bekannt, dann rief er eine Woche vor seinen 18 Nato-Kollegen den Bündnisfall aus. Und was den jüngsten Ausrutscher betrifft: Diesen Krieg führt eine Koalition von anderthalb, höchstens. Da darf Washington (und mit ihm London) erwarten, dass eine Ausweitung der Kriegsziele nicht in Berlin verkündet wird. Dass Amerika aber gedenkt, Al-Qaida weltweit "auszurotten", und dass auch Somalia zu den Kandidaten für eine amerikanisch-britische Wurzelbehandlung gehört, wird von US-Amtsträgern regelmäßig verkündet - so zuletzt von Rumsfelds Generalstabschef Richard Myers in Brüssel.

Also, aller Hysterie zum Trotz: Rudolf Scharping hat keine Nato-Geheimnisse verraten. Und dass der Minister in eigener Sache nur noch bedingt abwehrbereit ist, wusste die Öffentlichkeit schon vorher.

Unbedingt einsatzbereit hingegen ist die Bundeswehr - und sei es am Hindukusch. Am Samstag ward es vom Bundestag beschlossen: 1200 deutsche Soldaten beteiligen sich an der Friedenstruppe für Afghanistan, die ersten starteten noch vor Weihnachten.

Dem Beschluss des UN-Sicherheitsrats ist zu entnehmen, dass sich die deutsche Regierung in wichtigen Punkten durchgesetzt hat. Die Truppe wird rund 5000 Mann zählen, sechs Monate bleiben und nur in Kabul und am Flughafen stationiert sein. Und sie darf nicht nur sich selbst, sondern notfalls auch die Bevölkerung verteidigen.