Alle Menschen streben nach einem höchsten Gut, dessen war sich schon Aristoteles sicher, und dieses höchste Gut ist das Glück. Alle Menschen, also eben auch Frau Schiffer. Das einzige Problem liegt darin, dass nicht alle wissen, wie man das Glück realisiert. Glücklicherweise bietet Aristoteles die Lebenshilfe, die von der modernen Philosophie verweigert wird. Wie der Weg zum Glück gegangen werden kann, zeigt er in seinem Buch Nikomachische Ethik, der Begründungsschrift der Ethik überhaupt, 2300 Jahre alt und noch immer nicht veraltet.

Alles beginnt damit, das Glück zu »wählen«. Ist das Glück wirklich wählbar? Nicht im unmittelbaren Sinne, aber mittelbar über die Wahl der Lebensform, die in den Augen des jeweiligen Individuums die Möglichkeit bietet, sich voll entfalten zu können. Hier scheint Frau Schiffer alles richtig gemacht zu haben: Man stelle sich nur vor, sie hätte die Lebensform der Sekretärin statt des Models gewählt oder brünett statt blond als Lebensform (falls sie hier eine Wahl hatte).

Beim glücklichen Menschen, so Aristoteles, äußert sich das gute Leben im guten Handeln, und dies ist ein Handeln im Hinblick auf Vortrefflichkeit, auf Exzellenz. Einst übersetzte man den entsprechenden griechischen Begriff Arete mit »Tugend«, aber das ist wohl nicht die trefflichste Lösung, denn Arete ist keineswegs nur ein moralischer Begriff, und wer kann sich schon unter »Tugend« noch etwas vorstellen. Daher also Exzellenz. Schon die exzellente Ausübung banaler alltäglicher Tätigkeiten kann eine beglückende Erfahrung vermitteln, erst recht, so dürfen wir vermuten, der exzellente Auftritt auf einem Laufsteg: Pluspunkt für Frau Schiffer.

Sodann gehören zu dem höchsten Gut namens Glück dreierlei Arten von Gütern. Neben den seelischen auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel: möglichst keine ganz und gar hässliche äußere Erscheinung zu haben, die die höchste Gestalt des Glücks beeinträchtigen könnte, während »Schönheit« ihr förderlich sei. Kein Manko bei Frau Schiffer. Ob der wünschenswerte Rückbezug der körperlichen auf seelische Güter gegeben ist, können wir von außen nicht entscheiden.

Einen gewissen Wert für das Glück stellen Aristoteles zufolge sogar materielle Güter dar, etwa das Geld, ausgestattet mit einer Begründung, die zumindest originell ist: »Denn es ist unmöglich, zum mindesten nicht leicht, durch edle Taten zu glänzen, wenn man über keine Hilfsmittel verfügt« (zum Nachlesen: Reclam-Ausgabe, S. 21). Auch gegen materiellen Besitz in Form von Immobilien auf Inseln hätte Aristoteles gewiss nichts einzuwenden gehabt, selbst wenn er persönlich Euböa statt Mallorca bevorzugte.

Dass die Immobilien für Frau Schiffers Glück kontraproduktiv sein könnten, liegt anderswo begründet: Was wäre denn, fragen wir besorgt, umgetrieben von einem Verdacht, wenn es sich bei dem infrage stehenden »Komplex« gar nicht um ein Liebesnest zur Eigennutzung, sondern um einen üblen Immobilientrick handeln sollte? Dann würde die teure Villenlandschaft nur gebaut, um für ein paar Wochen darin zu wohnen und sie dann teuer zu vermieten oder zu verkaufen, mit dem preistreibenden Argument für vermögende Verehrer: Hier schlafen Sie, wovon Sie schon immer träumten, im Bett von Frau Schiffer, auch wenn sie gerade nicht zu Hause ist.

Nein, ein moralisches Problem wäre das nicht, nur eines für das Glück von Frau Schiffer. Denn Glück, so ist noch bei Aristoteles zu lernen, ist ein Leben »in der Verflochtenheit«, im Netz sozialer Beziehungen nämlich: in der Familie, im Freundeskreis. An Verflochtenheit wird es Frau Schiffer kaum mangeln, aber es könnten Verflochtenheiten der spezifischen Art darunter sein, Verwicklungen in ungute Geschäfte zum Beispiel, die andere in ihrem Namen machen. Dann würde noch was fehlen zum Glück: nicht Sklave fremder Interessen zu sein.