Die erste Hälfte dieses Jahres war eine fröhliche, freudige Zeit für uns. Wir feierten den 30. Geburtstag unserer Grundschule im hessischen Frankenberg, mit Vorlesewettbewerben, einer Mathematikrallye, Kinderliedern und, kurz vor den Sommerferien, mit einem großen Schulfest. Nach den Ferien kehrten wir - noch unter dem Eindruck der Feiern - langsam wieder zum Alltag zurück. Bis dieser, am 11. September, jäh unterbrochen wurde.

Am Morgen des 12. September herrschte im Lehrerzimmer eine kaum beschreibbare Stimmung: leise Gespräche über die Fernsehbilder vom Vortag, Ratlosigkeit, Stille. Ich hatte an diesem Tag in der ersten Stunde Religionsunterricht in einer zweiten Klasse. Aufgeregt empfingen mich die Kinder an der Tür. Fast alle hatten schon von den Anschlägen erfahren, die meisten auch mit ihren Eltern darüber gesprochen. Und doch waren noch immer viele, viele Fragen offen. Einige davon versuchten wir im Gespräch zu klären.

Wir sprachen über die Menschen im World Trade Center und in den Flugzeugen, über die Angehörigen der Opfer, darüber, wer so etwas tut, und über die für die Kinder wichtigste Frage: "Passiert so etwas auch bei uns?" Manche begannen zu weinen, andere berichteten von den Tränen ihrer Eltern, einige wurden ganz still und hörten nur zu. Ein Kind malte ein Bild von den Türmen, in welche die Flugzeuge stürzten, und schrieb dazu: "Nu Jog".

In den nächsten Tagen blieben die Anschläge das Hauptthema im Unterricht. Wir Lehrer hatten uns inzwischen darauf geeinigt, die Kinder möglichst zu beruhigen, obwohl dies oft schwer fiel - wir waren doch selbst beunruhigt. Auch in unserer Schule gab es eine Schweigeminute. In der zweiten Klasse bildeten wir einen Kreis, fassten uns an den Händen und dachten an alle, denen es im Moment nicht so gut ging wie uns, besonders an die Menschen in New York.

In den folgenden Wochen gewannen andere Themen wieder die Oberhand: Unterrichtsvorbereitungen, Klassenarbeiten, der Elternsprechtag, Konferenzen. Auch wenn jetzt langsam wieder die gewohnte Fröhlichkeit eingekehrt ist: die Ereignisse vom 11. September haben deutliche Spuren in den Köpfen der Kinder hinterlassen. Immer wieder erzählen, malen und schreiben sie von den Terroranschlägen - in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen.

In den vierten Klassen ist laut Lehrplan jetzt das Thema "Krieg und Frieden" vorgesehen. Fragen tauchen im Kollegium auf: Kann man solche Inhalte guten Gewissens unterrichten? Soll man den Schülern vom Frieden erzählen, während in Afghanistan Krieg ist? Aber vielleicht ist es gerade in dieser Zeit besonders wichtig, mit den Kindern über beides zu sprechen, über Krieg und über Frieden.