Nichts ist mehr wie zuvor? Nicht alles, aber vieles. Und doch hat der 11. September nur grell erhellt, was seit genau zehn Jahren heranreift und tief in die Zukunft hineinreicht. Am Weihnachtstag 91 wurde die rote Fahne der Sowjetunion zum letzten Mal über dem Kreml eingeholt; statt ihrer flattert seitdem die weiß-blau-rote Fahne Russlands am Mast: Das Imperium hatte sich selbst entleibt. Mit dem Roten Reich zerbrach auch eine fünfzig Jahre alte Weltordnung, die auf zwei Säulen ruhte - der zweigeteilten Macht von Moskau und Washington, die einander blockierten und austarierten.

Geblieben ist eine einzige Säule, die alleinige Supermacht Amerika. Geblieben ist auch eine Hand voll Anwärter: Europa, Russland, China und, in einigem Abstand, das aufstrebende Milliardenvolk der Inder sowie der einst formidable, aber nun dahinsiechende Wirtschaftsgigant Japan. Doch hat der 11. September ihre Träume von einem multipolaren Gleichgewicht der Mächte vorläufig zerschlagen. Eine blutige, eine grausame Ironie: Herausgefordert wurde der Hegemon nicht von Staaten, sondern von Privatiers der Gewalt im Gewande der Qaida; nicht von Premiers und Präsidenten, sondern von Namenlosen wie Mohamed Atta und Marwan al-Shehhi. Die selbst ernannten Gotteskrieger unter Führung des Osama bin Laden haben eine Strategie der "Schwachen gegen die Starken", wie es die Franzosen nennen, zu inszenieren versucht. Jenseits vom Massenmord aber sind sie gescheitert. Die Staaten haben sich durchgesetzt.

Ein Staat vor allem: die "letzte Supermacht". Amerika hat eine globale Koalition zusammengezimmert, in der klassische Freunde wie England, Exfeinde wie Russland und Noch-nicht-Herausforderer wie China versammelt sind. Doch den Krieg in Afghanistan haben die USA praktisch allein geführt: mit Bombern, die aus Missouri anflogen, aus einer geradezu unvorstellbaren Distanz, die wie kein anderer Faktor im Afghanistan-Krieg die globale Reichweite dieses demokratischen Imperiums dramatisierte. Die Koalition war legitimierende Garnitur - hilfreich, wichtig, aber nicht entscheidend.

Der Nationalstaat schlägt zurück

Trotzdem hat das Bündnis dieser merkwürdigen Bettgenossen durch seine bloße Existenz ein unüberhörbares Signal gesetzt. In dem Jahrzehnt seit dem Selbstmord der Sowjetunion schien sich eine ganz andere Machtverteilung anzubahnen: nicht die Konzentration der Macht, sondern ihre Diffusion - zugunsten der Konzerne, Banken und Profiteure, kurzum der "Globalisierung". Hinter den Argumenten der Gegner verbarg sich eine neue Version der vertrauten Kapitalismus- und Amerikakritik, die alte Angst vor Markt und Moderne. Aber auch die Vorstellung - hie verteufelt, da gefeiert -, dass ein gänzlich neues Zeitalter angebrochen sei: eine Ära, in der transnationale Kapital- und Kommunikationsströme, die Fluten der Investitionen und des Handels das Fundament des Nationalstaats unterspülen würden.

Tatsächlich haben die hundert Tage nach dem 11. September das Gegenteil ausbuchstabiert: Der 500 Jahre alte Nationalstaat lebt und floriert; er weiß sich gut wider die Konkurrenz zu wehren. Der Terror der Qaida war, das ist richtig, ein Produkt der Globalisierung; seine Waffen waren der Langstreckenjet, das Handy, der anonyme Banktransfer. Doch schon die ersten Gegenschläge ließen die ungeheuerliche Macht ahnen, welche die Staaten gegen die neuzeitlichen Freibeuter aufbieten konnten. Ihre Computer haben die Geldströme aufgedeckt, ihre Satelliten die Terroristencamps lokalisiert, ihre Sicherheitskräfte die Hintermänner aufgespürt. Der Terror, der stets aus dem Dunkel zuschlägt, wird sich nie gänzlich ersticken lassen. Aber dieser Terror, der wie all seine Abarten eines sicheren Ports bedarf, wird so schnell nicht wieder seine Fratze zeigen können. Denn die Unterdrückungsmaschinerie der Taliban ist nicht mehr - dank amerikanischer Bomben, russischer Waffenhilfe an die Nordallianz, pakistanischen Seitenwechsels und chinesischen Wohlwollens.

Die Koalitionäre, keineswegs begeisterte Applaudeure amerikanischer Übermacht, haben instinktiv begriffen, dass die Globale des Terrors die Vorherrschaft der Staaten bedrohte, mithin deren uralten Anspruch, die Grundregeln des internationalen Zusammenlebens im Kartell der Mächtigen zu bestimmen. Zudem haben die hundert Tage noch eine andere Wahrheit erhellt. Der Staat schlägt nicht nur nach "unten", er meldet sich auch nach "oben" zurück. Denn es hat sich sehr rasch nach dem 11. September gezeigt, dass ehrwürdige nationenüberwölbende Institutionen wie Nato und EU, die seit fünfzig Jahren die Macht der Staaten zu vergemeinschaften versuchen, in die Defensive gerutscht sind. Die Nato hat zwar den Verteidigungsfall ausgerufen, aber danach hat sie im ersten globalen Krieg des 21. Jahrhunderts allenfalls eine Nebenrolle gespielt. Sie war Zuschauer, nicht Akteur. Entschieden und gehandelt haben die Staaten, und zwar die großen: Amerika, dann England, Frankreich und Deutschland.