Der Generalbundesanwalt hat gesprochen: Aus den Schweizer Leuna-Akten führt keine Spur zu Helmut Kohl oder einem anderen aktiven deutschen Politiker. Der Vorwurf, Kohls Regierung sei beim Verkauf der ostdeutschen Raffinerie und des Minol-Tankstellennetzes an den französischen Konzern Elf Aquitaine käuflich gewesen, kann aufgrund dieser Aktenkenntnis nicht erhoben werden.

Heißt das in Sachen Leuna viel Lärm um nichts? Das wäre vorschnell. Aus dem 27-seitigen Vermerk des Generalbundesanwalts folgt zunächst nur: Von Kohl & Co. wurde ein schwerer Verdacht genommen - jedenfalls vorläufig. Der "Freispruch" fußt, was allzu schnell aus dem Blickfeld gerät, nur auf dem Studium der Schweizer Dokumente; allein darauf beschränkte sich der Prüfauftrag.

Auch der Generalbundesanwalt bestätigt, dass beim Leuna-Geschäft manches zum Himmel stinkt: Achtzig Millionen Mark wurden angeblich für "Lobbymaßnahmen" bezahlt. Viel Geld wurde jahrelang hin und her geschoben. Manchmal landeten riesige Geldsummen auf obskuren Bankkonten oder wurden bar abgehoben. Eine plausible Erklärung oder einen ökonomischen Sinn dafür gibt es nicht. Außerdem tauchen neben dem Lobbyisten und Kohl-Bekannten Holzer in Sachen Leuna immer wieder zwei weitere deutsche Namen auf: Ludwig-Holger Pfahls, Exstaatssekretär im Verteidigungsministerium und seit dem Frühjahr 1999 auf der Flucht, sowie Agnes Hürland-Büning, ebenfalls Exstaatssekretärin auf der Hardthöhe.

Jetzt sind die Staatsanwälte in Saarbrücken und München am Zug, die gegen Holzer und Pfahls ermitteln. Sie müssen nun die Unterlagen aus Karlsruhe mit ihren Erkenntnissen und den Recherchen der französischen Justiz zu einem Mosaik zusammenfügen. Erst dann wird sich zeigen, ob man in Sachen Leuna den Daumen über die Regierung Kohl endgültig heben kann.

Das dauert und erfordert viel Geduld. Erheblich schneller ginge es, wenn der ehemalige Kanzler den Staatsanwälten bei ihrer Arbeit zur Hand ginge: Beispielsweise indem er hilft, die Datenlöschung und den dubiosen Dokumentenschwund im Kanzleramt zu klären. Denn merkwürdigerweise klaffen in den Akten zum Fall Leuna, aber ebenso zu anderen heiklen Geschäften wie dem Verkauf von Panzern, Flugzeugen und Eisenbahnerwohnungen riesige Lücken. Wenn alles mit rechten Dingen zuging: Warum gewährt Kohl den Staatsanwälten nicht Einblick in die dreihundert Leitzordner, die damals nach der verloren gegangenen Bundestagswahl beiseite geschafft wurden und die neben rein Privatem auch Dienstliches und "Privatdienstliches" enthalten sollen?

Den Verdacht der Käuflichkeit seiner Regierung könnte Kohl auch dadurch ausräumen, dass er endlich sagt, wer ihm in den neunziger Jahren an der offiziellen Parteikasse vorbei rund zwei Millionen Mark gespendet hat. Doch statt energisch aufzuklären, schweigt Helmut Kohl oder betätigt sich als Nebelwerfer. Die Akte Leuna kann noch lange nicht geschlossen werden.