DIE ZEIT: Wird in der medizinischen Forschung systematisch falsch mit Statistik umgegangen?

Hans-Hermann Dubben: Dazu haben wir keine Statistik - aber einige Argumente sprechen dafür. Wenn man gute Statistik betreibt, hat man weniger publikationsfähige Ergebnisse. Und die Publikationsliste ist für Wissenschaftler das Maß aller Dinge.

ZEIT: Für methodisch saubere Arbeiten soll doch der peer-review-Prozess sorgen, der die Spreu vom Weizen trennt.

Dubben: Ich erzähle Ihnen mal einen Fall: eine Publikation aus dem vergangenen Jahr in einer führenden Zeitschrift für Radioonkologie. Da werden zwei Behandlungen verglichen, und das Fazit der Autoren lautet, die neue Therapie sei besser als die alte. Und zwar in drei Bereichen: Erstens besser bei der Tumorbekämpfung - tatsächlich aber ist das Ergebnis so gerade eben signifikant. Dann geht es um das krankheitsfreie Überleben, da sehen die Ergebnisse zwar besser aus, sind aber statistisch nicht signifikant. Und schließlich muss man nach den Nebenwirkungen gucken. In dieser Arbeit werden sie nur bis zu zwei Jahre nach der Operation ausgewertet. Die anderen Wirkungen der Therapie werden aber bis zu fünf Jahre dokumentiert.

ZEIT: Was ist daran verkehrt?

Dubben: Die Frage ist doch, wieso? Wenn man weiß, ob ein Patient lebt oder nicht lebt, ob er einen Tumor hat oder nicht, dann weiß man auch, ob er unter schweren Nebenwirkungen leidet. Und es kommt noch schlimmer: Selbst nach zwei Jahren Beobachtung zeigte sich, dass die Nebenwirkungen bei der neuen Strahlentherapie signifikant schwerer ausfallen als bei der alten - mit richtig üblen Spätkomplikationen. Schon auf den ersten Blick ist das ein ganz flaches Papier, da muss etwas faul sein. Nach den Daten schneidet die neue Therapie klar schlechter ab. In der Zusammenfassung, die jeder liest, steht aber, dass es keinen signifikanten Unterschied gibt ...

Hans-Peter Beck-Bornholdt: ... und dieses Journal ist peer-reviewed und in seinem Fach die Nummer eins.