Ian Stocks kämpft unwirsch gegen die Kälte der frühen Morgenstunde. In der rechten Hand eine Kaffeetasse mit Schutzdeckel, die Linke ums Lenkrad geballt, rumpelt er mit seinem Geländewagen einen alten Holzfällerpfad bergauf - mitten in den Great Smoky Mountains, einem Nationalpark im Südosten der Vereinigten Staaten. Der angekündigte blaue Himmel schimmert nur spärlich durch Frühnebelschwaden, die dem Gebirgszug seinen Namen gaben. Die Vögel schweigen spätherbstlich, und die Bären, die sich derzeit ihren Winterspeck anfressen, fläzen wohl noch in ihren Kuhlen.

Für derlei Müßiggang hat der vierschrötige Stocks keine Zeit. Er muss im Wald Dutzende von Tierfallen abernten. Stocks ist Insektenforscher. "Die Fallen finden sich an schwer zugänglichen Stellen, damit uns keine Touristen in die Quere kommen", sagt er, während er tapfer Kurs hält und seinen Muntermacher schlürft. "Die Bären machen schon genügend Ärger. Die trinken den Alkohol aus den Fanggeräten."

Der Landrover kommt abrupt zum Stehen. Stocks deutet den Hang hinauf. Dort, inmitten eines blattleeren Ästegewirrs von Buchen, Hickorys und Gelbbirken, schwebt ein aus einem Dutzend Trichtern zusammengesetzter Zylinder. "Damit fangen wir Kleingetier, das in den Baumkronen haust."

In den Smoky Mountains gehen Artenkundler wie Stocks einem beinahe wahnwitzigen, auf der Welt einzigartigen Unternehmen nach. Sie wollen jede einzelne Spezies in dem über 2000 Quadratkilometer großen Naturschutzreservat katalogisieren - Fauna und Flora komplett, vom wilden Truthahn über den Weihnachtsfarn bis hin zu Algen, die nur unter dem Mikroskop erkennbar sind. Der Name des Großprojekts: All Taxa Biodiversity Inventory, kurz ATBI.

"Es ist lächerlich, dass wir einen Naturschutzpark verwalten, ohne zu wissen, wer seine Bewohner sind", sagt Chuck Parker, Wasserbiologe im Great Smoky Mountains Park. Auf seinem Schreibtisch stehen Dutzende Gläser mit in Alkohol eingelegten Köcherfliegen, deren Weibchen ihre Eier in Bächen ablegen. Darunter eine neue Art, die dem Forscher erst kürzlich am Sams Creek in eine Falle schwirrte: Neophylax kolodskii. Rund 10 000 Tier- und Pflanzenarten in dem Naturschutzgebiet kennen die Fachleute. Sie gehen davon aus, dass sich an die 90 000 weitere im Gebüsch verstecken.

Der Artenreichtum in dem Reservat kommt nicht von ungefähr. Die Smoky Mountains bilden das in North Carolina und Tennessee auslaufende Südende der Appalachen, jenes Mittelgebirges im Osten Nordamerikas, das sich von Alabama bis nach Neufundland erstreckt. Es entstand vor 290 Millionen Jahren und blieb von der letzten großen Eiszeit verschont - die Gletscher, die wenige hundert Kilometer nördlich zum Stillstand kamen, trieben etliche Tiere vor sich her, die in den nebelverhangenen Bergen ihre neue Heimat fanden. Die Biotope reichen von Senken, in die kaum ein Lichtstrahl reicht, bis zu windigen, baumlosen Gipfeln: einer der vielfältigsten Flecken in den gemäßigten Klimazonen der Welt. "In Nordeuropa gibt es 60 Baumarten", sagt Parker, "in unserem Park finden sich allein 130."

Weltweit sind rund 1,75 Millionen Spezies bekannt. Tatsächlich aber gibt es vermutlich irgendwo zwischen 2 und 100 Millionen Arten. Der einzige Weg, den Spekulationen ein Ende zu bereiten, führt über simples, jedoch mühsames Nachzählen, Art für Art. Deshalb haben systematische Biologen in den Smoky Mountains die Kärrnerarbeit begonnen, alles Leben zu katalogisieren. "Es ist mühsam", sagt Parker, "es kostet viel Geld, es dauert Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte - aber sonst bliebe es schlicht ungetan."