Die globale Kultur der Konzerne, Institutionen und Regierungen hat zurzeit kaum einen gefährlicheren Feind: No Logo, das Buch, nologo.org, das Netzwerk, und den Kopf dahinter - Naomi Klein. Ihr Buch gegen die Herrschaft der multinationalen Unternehmen, gegen die Macht der Marken und den Zugriff auf die Seelen der Verbraucher ist von Kommentatoren zur "Bibel" der Globalisierungsgegner erklärt worden. No Logo wurde selbst zum Markenzeichen, der britische Economist widmete ihm eine Titelgeschichte (Pro Logo): Seit dem legendären Bestseller aus dem Jahre 1967 über die Techniken der Werbung (Vance Packard: Die geheimen Verführer) habe "kein Buch so viel Antipathie gegen Marketing geweckt" wie das von Naomi Klein.

Das kann ihr nur recht sein, das war die Idee: Bewusstsein wecken, aufklären, anstiften, Netze knüpfen. Und Gegenmacht aufbauen: gegen die Zerstörung lokaler Strukturen, gegen "das globale neoliberale Projekt". Naomi Klein hat die Bewegung von Seattle nicht erfunden. Eher ist sie teilnehmende Beobachterin. Sie schreibt über die Bewegung, und sie schreibt für sie, sie kommentiert sie, und sie inspiriert sie. Prophetin oder gar Kopf der Bewegung ist sie jedoch nicht. Das ist alles Medien-Hype, sagt sie, weil die Medien eben so sind, wie sie sind: Sie brauchen Helden oder Bösewichte, und sie brauchen Ereignisse, action auf den Straßen. Darum seien Aktionen ja auch wichtig, bei allen Vorbehalten (davon später). Was wüsste die Welt schon von den Einwänden gegen die Globalisierung ohne die Tumulte von Seattle, Prag, Göteborg, Genua? Für die Medien ist das wie Sportberichterstattung, sagt Naomi Klein. Sie fragen: Wie viele waren dieses Mal dabei? Was ist passiert? Wie groß ist der Schaden? Und wer hat gewonnen?

Stimmt. So sind sie, so sind wir. Also: Wer hat gewonnen? Oder wenigstens: Wie steht die Partie zwischen den Eliten dort oben und den Gegeneliten da unten? Wenn der Kampf gegen die Marktmacht der Global Player mehr ist als ein öffentlicher Lernprozess - und vor allem mehr als nur eine Marketingstrategie für No Logo, wie die Kritisierten insinuieren -, was ist die bisherige Erfolgsbilanz?

Den großen Durchbruch gibt es nicht, räumt die Erfolgsautorin aus Toronto ein. Für Naomi Klein liegt das Machtkartell aus Big Business, Weltbank, Weltwährungsfonds, Welthandelsorganisation und den acht Teilnehmern der jährlichen Weltwirtschaftsgipfel in diesem strategischen Spiel unverändert vorn. Es aufzuhalten auf dem Weg in die globale Ökonomie wird nicht gelingen. Klein macht sich nichts vor. Aber es gebe viele kleine Erfolge auf lokaler und regionaler Ebene: im Kampf gegen die Privatisierung der Trinkwasserversorgung in Bolivien, für billigere Elektrizität in Südafrika, gegen die Abschiebung von Asylbewerbern in Kanada, für die Rechte landloser Bauern in Brasilien oder gegen die ausbeuterischen Arbeits- und Lebensbedingungen in Sportschuh-, T-Shirt- und Jeansfabriken in der Dritten Welt im Auftrag prominenter Markenfirmen. Mit diesen "kleinen Siegen" auf diesen Nebenschauplätzen könne man "die großen Sprünge des Neoliberalismus" wenigstens bremsen, im Einzelfall auch blockieren. Aber mehr ist nicht drin.

Gibt es ein Leben nach No Logo?

Aber aufgeben ist keine Antwort. Nologo, das Netz zum Beispiel, ist eine Möglichkeit, ein Angebot, sagt sie, klein, aber fein. Mit zwei Mitarbeitern betreibt die Autorin ihre Internet-Seite, "ein Portal für alle, die neue Informationen wollen, die sich engagieren möchten oder einfach Kontakt mit Gleichgesinnten suchen". Es sind überwiegend junge Leute, Studenten, die den Service nutzen. Und natürlich Medien. Nachrichten und Kommentare werden täglich ins Netz gestellt, darunter auch die Artikel, die Naomi Klein selbst verfasst, unter anderem für den Guardian in London.

Sie schreibt pointiert, bissig, witzig. Das macht ihr Buch, das selbst Kritiker des ökonomischen Teils wegen seiner Informationsfülle und seiner medienpolitischen Analyse loben, zur leicht lesbaren Lektüre. Erst recht ihre Kolumnen, in denen sie sich mit den Trägern der Globalisierung ebenso auseinander setzt wie mit Gefährdungen des Rechtsstaats oder den Gefahren des Fundamentalismus. Kritisch reflektiert Naomi Klein auch den Zustand der neuen Protestbewegung und das, was sie summit-hopping nennt, den Zug der Protestkarawane von Großkonferenz zu Großkonferenz. Ob nicht die Zeit gekommen sei, das zu überprüfen, fragt sie. Und was das bringe für das konkrete Leben der Menschen, etwa die Landlosen in Brasilien, die Hungernden in Nicaragua, die Arbeitslosen in Argentinien, die Kinder in den Sportartikelfabriken Indonesiens, die Migranten in den Flüchtlingslagern Australiens und an Südeuropas Küsten.