Am 30. August kam die offizielle Bestätigung: Das geografische Zentrum von Euroland hat die genauen Koordinaten 3°48'2"Ost/47°11'56" Nord - offiziell errechnet vom französischen kartografischen Institut géographique national. Das Herz des Euro schlägt mitten im Wald. Im Reich der Rehe - einen Wildkatzensprung nur bis nach Chateau Chinon, der einstigen Hochburg Mitterrands. Als reichte er postum seinem Euro-Gevatter Kohl nochmals die Hand - in Montreuillon.

Die Mitte von Euroland liegt - Ironie der Geschichte - in den Gefilden, die sich im Mittelalter Burgund nannten. Und ausgerechnet in Montreuillon ereignete sich damals das, was bis heute noch ein europäisches Nachspiel hat. In diesem Tal, wo die Route nach Santiago de Compostela auf ihrem Weg zur Loire die Yonne kreuzt, lange bevor diese sich in die Seine ergießt, schlug Ludwig XI. am 20. Juni 1475 Karl den Kühnen, Herzog von Burgund. Auftakt für Jahrhunderte währende Kleinstaaterei in Europa, der erst der Dreißigjährige Krieg ein vorläufiges Ende setzte. Diese Schlacht am Monte Rumillionis besiegelte auch die Einheit dessen, was heute Frankreich ist.

Heute nun, wo die Europäische Währungsunion die Frage nach der politischen Struktur Europas aufwirft, wo erneut die Auseinandersetzung zwischen föderalem und zentralstaatlichem Ansatz aufflammt, rückt ausgerechnet Montreuillon wieder in den Mittelpunkt. Sonderbar genug für die 310 Menschen, die hier leben. Denn Montreuillon ist ein Dorf, in dem allenfalls die Kirche auf die lange Geschichte hinweist. Aber die Glocke läutet den Angelus elektrisch, ein Dorfpfarrer existiert schon lange nicht mehr. Den Ton gibt heute die Sirene an, die jeden Samstag um 12 vom Turm des Rettungszentrums aufheult. Das Dorf ist stolz auf seine pompiers - 28 Feuerwehrleute stark, alle freiwillig, darunter ein halbes Dutzend Frauen. Na ja, als sie 1989 ihr neues Rettungszentrum einweihten, tuschelten die Älteren, sie löschten wohl nicht nur Brände und ihren Durst wohl kaum mit Wasser.

Nun, sie feiern gern, und den bal des pompiers zum 14. Juli richten sie aus. Natürlich mit Feuerwerk. »Oh, le beau bouquet!«, die Menge staunt, bis dann einer raunt: »Und das mit unseren Steuergeldern!« Trotzdem, dieses Jahr wird es ausnahmsweise auch zu Silvester eins geben, der Euro will gefeiert werden. Ob das für die nationalen Medien reicht? »Der Bäcker könnte doch Euro-Croissants backen, die sind ja sowieso schon gekrümmt wie das Euro-Zeichen, man braucht da doch nur noch mit Schokolade zwei Striche zu machen«, meint der Bürgermeister. Der war mal Bäcker. Und wenn uns das Departement unterstützt, vielleicht kommen dann doch Journalisten aus Paris?

Paris - so nah und doch so fern! Keine 300 Kilometer sind es, Montreuillon liegt nur scheinbar abgeschieden weitab der großen Verkehrsadern. Zwar fährt man bis zu einer Autobahn eine gute Stunde, genauso lang bis nach Le Creusot, wo der Hochgeschwindigkeitszug TGV hält. Aber aufs Auto ist man ohnehin angewiesen, will man zum Arzt oder in den Supermarkt im Nachbarstädtchen Corbigny. Einmal in der Woche, am Freitag, wenn dort Markt ist, fährt ein Bus. Im Dorf gibt es auch ein Taxi, das betreibt der Kfz-Mechaniker und Tankwart vor Ort, natürlich Feuerwehrhauptmann (a. D.). Und wenn der Schulbus eine Panne hat? Dann fährt eben der Bürgermeister die Sammeltour.

Straßen gibt es genug. Das Netz wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebaut, Industrialisierung und technischer Fortschritt sollten bis in ländliche Gebiete vordringen. Damit kam die Blütezeit: Granit und Porphyr aus Montreuillon waren in Paris begehrt, ebenso das Holz aus der Foret de Montreuillon. Quasi im Gegenzug schickten Noblesse und Bürgertum der Hauptstadt ihre unehelichen Kinder zu den Ammen «aufs Land». Pflegemütter haben immer noch Tradition, die Zöglinge stammen heute aus schwierigen Familienverhältnissen und immer noch aus Paris.

»Heureux avec l'euro!« Glücklich sind die Menschen schon, und zuversichtlich. An das neue Geld werden sich auch die Alten gewöhnen, die noch in anciens francs rechnen und gern die Jugend provozieren: »Bis zum Euro bin ich schon lange tot!« Die Viehzüchter lässt das eher kalt, die verbinden mit Brüssel nur Ärger. Montreuillon ist zwar BSE- und MKS-frei, aber die europäischen Seuchenbekämpfungsmaßnahmen haben ihre Spuren hinterlassen. »Der Euro?! Eine Schererei mehr!« Die Subventionen für ihre Charolais-Rinder vergessen sie dabei lieber. Der Gemeinderat wittert eine Chance, den Tourismus zu beleben. Schließlich liegt das Dorf im Regionalpark des Morvan, und der hat einiges zu bieten. Nur, dafür brauchte man schon die beiden Hotel-Restaurants vor Ort. Aber eines davon wird bald schließen, »die Inhaberin ist nicht mehr die Jüngste«. Die Handelskammer aus Nevers jedenfalls gab schon mal Schützenhilfe: Ihren Innovationspreis verlieh sie dieses Jahr in Montreuillon, um zu beweisen, »dass das Departement Nièvre der nationalen Ebene in nichts nachsteht«.