Dachten wir nicht, auch der Schreiber dieser Zeilen, wir wüssten so ziemlich alles über den großen Mann der deutschen Sozialdemokratie, das zu wissen sich lohnt? Eine fromme Täuschung. Der siebte Band der so genannten Berliner Ausgabe von Willy Brandts schriftlicher Hinterlassenschaft steckt auch manchem der Weggefährten des Kanzlers dieses und jenes Licht über die Jahre 1966 bis 1974 auf: die Übergangsphase der Großen Koalition, in der Brandt das Amt des Außenministers und Vizekanzlers versah, und die Epoche seiner Kanzlerschaft, die im Mai 1974 durch seinen Rücktritt jäh zu Ende kam. Eine knappe Frist von viereinhalb Jahren, die dennoch die Bundesrepublik so tief geprägt haben wie vor ihr nur die lange Regentschaft Konrad Adenauers und danach, dank der europäischen Fortschritte und der Wiedervereinigung, das Regime Helmut Kohls, das sich freilich zugleich als eine dumpfe Ära geistiger und moralischer Auszehrung dahingeschleppt hat.

Einige der Überraschungen bei der Lektüre von Brandts Reden, Interviews und Aufzeichnungen mögen sich aus unserer Vergesslichkeit, vielleicht auch aus merkwürdigen Verdrängungen erklären. Wohl erinnern wir uns mit Unbehagen an die so stürmisch umkämpften Notstandsgesetze, die von der Großen Koalition verabschiedet wurden. Aber erst durch die Bundestagsrede des Außenministers Brandt am 30. Mai 1968 wird uns ins Gedächtnis gerückt, was den jüngeren Zeitgenossen ohnedies niemals deutlich wurde: dass die Vorbehaltsrechte der einstigen Besatzungsmächte den Kommandeuren der alliierten Truppen "in einem Notstandsfall einen fast unbegrenzten Handlungsspielraum" gewährten. Die Siegermächte aber hätten der Bundesregierung das Recht übertragen können, "den Ausnahmezustand über das gesamte Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zu verhängen ..., ohne die durch unsere Verfassung gesetzten Grenzen beachten zu müssen". Mit anderen Worten: Der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokraten warb für die Notstandsgesetze, um einen Zustand der Rechtlosigkeit zu beenden und ein Kernelement der staatlichen Souveränität zurückzugewinnen.

Die Motive für seine Zustimmung zum so genannten Radikalenerlass waren dieser Argumentation verwandt: Brandt wollte die Willkür im Umgang mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Feinden der Demokratie durch gemeinsame Richtlinien des Bundes und der Länder eindämmen. In einem "Hintergrund-Gespräch" mit Bonner Journalisten am 6. August 1973 bemerkte er dazu freilich auch mit einer schönen Portion Sarkasmus, es gebe kein im Grundgesetz verbrieftes Recht, dass ein DKP-Mitglied als Richter amtieren könne; Rechtsanwalt sei ja auch ein schöner Beruf. Allerdings stellte er rasch genug fest, dass der Wille zur fairen und generösen Regelung des stachligen Problems von bürokratischer Kleingeisterei überwuchert wurde - eine Einsicht, der er durch die Revision seiner einstigen Entscheidung gerecht zu werden versuchte.

Fairness war in der Tat eines der bestimmenden Elemente seines Wesens: Siehe den Brief an Eugen Gerstenmaier, wenige Tage nach dem Rücktritt des Bundestagspräsidenten geschrieben. Zwar weist er darauf hin, dass der starrsinnige Schwabe "bei mehr als einer Gelegenheit schlecht beraten" gewesen sei, doch vor allem wolle er ihn wissen lassen, "dass sich an meiner Wertschätzung dessen, was Sie gegen Hitler und für Deutschland ... und im Dienst an unserer Bundesrepublik geleistet haben, nichts geändert hat". Die Mahnung an die Partei, Kurt-Georg Kiesingers trübes Mitläufertum im "Dritten Reich" nicht als Wahlkampfmunition zu nutzen, war nicht nur von nüchterner Taktik, sondern von der Scheu vor persönlichen Verletzungen diktiert, wie sie Willy Brandt nahezu täglich zu ertragen hatte. Es fragt sich freilich, ob solche Noblesse in der "Berliner Republik" noch existent ist. Und wer auf der Regierungsbank, unter den Abgeordneten der Koalition und der Opposition wäre fähig, ein so hoch differenziertes Gespräch über die Linien der Geschichte (nicht nur der politischen) zu führen, wie es der geistreiche Deutsch-Franzose Joseph Rovan und Brandt im Sommer 1973 miteinander zuwege brachten?

Auch das ist rar geworden: Brandts Bereitschaft, sich selber, seinen Freunden, seinen Feinden die eigenen Schwächen und Irrtümer einzugestehen. Das machen vor allem die Notizen zum "Fall Guillaume" fast überdeutlich, die zwischen Mai und September 1974 niedergeschrieben, ergänzt und korrigiert wurden. Das versiegelte Dokument hat die Witwe Seebacher-Brandt im Januar 1994, eineinhalb Jahre nach Brandts Tod, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Abdruck übergeben. Die zweite, ungekürzte Lektüre lohnt. Die Infamie der Schnüffeleien in Brandts Privatleben durch das Bundeskriminalamt und durch den Verfassungsschutz unter Günther Nollau (einer fragwürdigen Kreatur Herbert Wehners) wird im Abstand der Jahre erst als ein vergleichloser Skandal ins grelle Licht des Bewusstseins gerückt.

Kopfschüttelnd begegnen wir der grämlichen "Klugscheißerei" des ewig beleidigten Günter Grass, die ungeahnten Schaden anrichtete, der tapferen Haltung Holger Börners, der zu den wenigen gehörte, die sich gegen den Rücktritt stemmten, dem schillernden Verhalten des Bundesinnenministers Hans-Dietrich Genscher, der, wenn irgendeiner, Anlass gehabt hätte, um seinen Abschied zu bitten, denn er, nicht der Kanzler, trug die formale Verantwortung für die Schlampereien und Versäumnisse bei der Überwachung des primitiv-schlauen Stasi-Spions. Wir lesen mit neuer Aufmerksamkeit den knappen Bericht vom Besuch auf Helgoland, in dem Brandt von den "düsteren Gedanken" spricht, die ihn heimsuchten, auch von dem - hernach in Bonn vernichteten - Brief, in dem er aufschrieb, wie ihm zumute war.

Es ist nicht nur kühn, sondern jenseits der Grenze des Seriösen, dass der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen in seiner Biografie (die eher ein allzu rasch aufs Papier gefetzter Essay ist) von Brandts Selbstmordabsichten daherschwadronierte. Der Kanzler sprach in jenen Tagen auch mit dem Autor dieser Zeilen über die schwarze Depression, die ihn auf der Insel beschwerte, und er mag beiläufig bemerkt haben, dass man in solchen Augenblicken von der Überlegung gestreift würde, ob es nicht besser sei, sich auf kürzestem Wege davonzumachen: schwarze Gedanken, die jeden von uns in Stunden der äußersten Bedrückung überkommen. Sie gehören gewissermaßen zur "Normalität" der Sensiblen.