Im Keller des Klinikums der Universität von Massachusetts, im Herzen eines Irrgartens weiß und grün gemalter Gänge, steht ein Schaf. Es hustet asthmatisch, als es sich von den Sägespänen hochstemmt, die sein Ruhebett polstern. Unterm Kinn ist sein Hals kahl geschoren, getrocknetes Blut markiert eine frische Operationswunde. Das Schaf sollte längst tot sein. Doch unbeirrt saugt der Bock Sauerstoff ein. Er atmet durch eine künstliche Luftröhre, die im Labor eigens für ihn gezüchtet wurde.

Ein Forscherteam der Universität klaubte dafür Zellen aus der Nase des Schafs und schmierte sie auf ein überdimensioniertes Schraubgewinde aus Plastik. Acht Wochen später hatte dichtes Gewebe den Kunststoff überwuchert. Die Forscher schraubten das Gewinde heraus und transplantierten die Röhre in den Schlund des Schafs. Die Operation galt als aussichtslos. Die Luftröhre ist ein wundersames Knorpelgebilde - so stabil, dass sie nicht kollabiert, so elastisch, dass sie jedes Halsstrecken mitmacht, jahrelang. Es sei unmöglich, dafür Ersatz im Labor zu schaffen, hatte eine Luftröhren-Koryphäe dem Teamchef Charles Vacanti vor zehn Jahren versichert. Charles hatte sich das damals im Computer notiert. Nun steht er vor dem Schaf und grinst.

Wieder einmal lacht ein Vacanti zuletzt. Vier von ihnen gibt es: Joseph (Jay). Charles (Chuck). Martin (Marty). Francis (Frank). Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht verbergen, dass sie Brüder sind. Der gleiche graumelierte Haarschopf, der über ihren respektlosen Hirnen sprießt. Die gleichen braunen Augen, die freundlich in die Welt blinzeln. Kräftige Lippen, gesunde Gesichtsfarbe. Jay, der Älteste, setzt auf Eleganz: blaues Jackett, dezent gemusterte Krawatte. Chuck heischt Aufmerksamkeit mit einem feuerwehrroten Schlips, auf dem übermütig gelbe Tupfen tanzen. Marty macht sich möglichst unsichtbar hinter seinem blassbraun gestreiften Hemd zur braunen Hose. Und Frank, der Jüngste, trägt unbekümmert bequeme Latschen zum Anzug. Doch wenn sie lächeln, und das tun sie oft, ist die Ähnlichkeit unverkennbar.

Die Brüder verbindet noch mehr. Andere Familien teilen eine Begeisterung für das gleiche Fußballteam oder Tante Friedas Lasagne. Die Familienleidenschaft der Vacantis ist Tissue-Engineering, ein junges Fachgebiet mit dem ehrgeizigen Ziel, menschliche Organe zu züchten - Leber, Nieren, Herzen oder sogar neues Rückenmark für Querschnittsgelähmte. Die Vacantis sind die Fab Four des Feldes. Manchen gelten sie als seine Erfinder. "Die Gewebezüchtung lässt sich in vielen Ländern zu den Vacantis zurückverfolgen", sagt Peter Johnson, Präsident der Tissue Engineering Society International.

Rattenwirbel in der Pappschachtel

"Viele Leute sehen in uns eine Art Frankenstein", sagt Marty, der dritte der Brüder, die alle im Großraum Boston arbeiten - Jay und Frank am Massachusetts General Hospital, Charles und Marty an der 50 Autominuten entfernten University of Massachusetts in Worcester. "Aber was wir machen, ist nicht bizarrer als normale Wundheilung." Aus der untersten Schublade eines Laborschranks zieht Marty eine leicht abgewetzte Pappschachtel. Sie enthält ein Sammelsurium von Ersatzteilen für das Leben. Einen Nasenknorpel. Ein Förmchen, um Ohren zu züchten. Ein Stück Rattenwirbelsäule, das wie ein bleicher Wurm in Formaldehyd treibt. Ein Gelenk, "für irgendein Tier", sagt Marty und schwenkt den Kolben prüfend.

Der Traum, gesundes Gewebe für kranke Patienten zu züchten, ist alt. Erstmals schien er in greifbare Nähe zu rücken, als Eugene Bell 1979 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) dünne Lappen von Menschenhaut in Laborschalen heranzog. Aber alle Versuche, die Gewebezucht ins Dreidimensionale auszuweiten, scheiterten.