Die Mächtigen und ihre ideologischen Mitläufer nannten sie seit Urzeiten "Nestbeschmutzer". Aber sie sind häufig im Gegensatz zu den heuchlerischen Verbalakrobaten des Nationalismus die wahren Patrioten gewesen. Ihre Kritik - nicht selten scharf und überpointiert - wurde und wird häufig geboren aus tiefer Liebe zum eigenen Land, zu seinen Menschen und seiner Kultur und aus der Sehnsucht nach Wahrheit und Moral. Wobei sie keineswegs von Irrtümern frei blieben. Georg Büchner, Heinrich Heine und Ludwig Börne, Heinrich Mann, Heinrich Böll und Günter Grass sind Intellektuelle, die an ihrem Vaterland gelitten haben. Mit ihren literarisch-essayistischen Einwürfen unternahmen sie den Versuch, ihren Landsleuten den Spiegel vorzuhalten, warnend von den Lügen und Untaten, Ängsten und Aggressionen zu erzählen. Was diese ihnen selbstgerecht und heftig übel nahmen.

Der Journalist und Historiker Johannes Willms mag in ihnen und ihresgleichen möglicherweise seine Vorbilder gefunden haben. In seinen letzten Büchern räumte er energisch, intelligent und auch ein wenig übertreibend mit den Klischees auf, die Bismarck und Napoleon dank ihrer apologetischen Verehrer unter den Historikern umranken, und er ist ein skeptischer Beobachter des Heute, das unsere Parteien zum Zwecke des Eigenlobes und der Machterhaltung als blühende Landschaften und vollendete demokratische Paradiese darzustellen pflegen. Die deutsche Krankheit, so diagnostiziert Willms in seinem jetzt erschienenen Essay über die Deutschen, das ist die Herrschaft des unbesiegbaren Kleinbürgertums. Dessen gesellschaftliche Existenz entdeckt der Autor schon in den Tagen, als die Pest Europa überwältigte, die Reformation Deutschland spaltete und der Dreißigjährige Krieg es tief greifend moralisch und materiell zerstörte.

Populistische Verrenkungen

Auf das Jetzt bezogen, schreibt der zornige Autor: "Wenn die Politik noch einen ,Erziehungsauftrag' hat, dann den, dem kleinbürgerlichen Milieu ohne Umschweife und Rücksichtnahme deutlich zu machen, dass seine Stunde entgültig geschlagen hat und die Zukunft dem europäischen citoyen, der europäischen Zivilgesellschaft gehört." Willms weiß, von welcher Utopie er hier spricht. Denn der Preis der mutlosen Demokratie, den die deutsche Gesellschaft zahlt, ist ja gerade die populistische Verbeugung der machtbesessenen Politik vor dem "kleinen Mann", dessen Stimmen über Sein oder Nichtsein der Kanzler, Minister und Abgeordneten entscheiden. Unterstrichen wird dies durch die Tatsache, dass das Kleinbürgertum, Willms spricht zu Recht vom "Mittelstand", unsere Parlamente, aber auch unsere Zeitungsredaktionen und Konzernvorstände längst personell erobert hat. Und so kommt es denn: "Die Euphorie der ersten Stunden, die in dem bekannten Satz Willy Brandts ihren Ausdruck fand, dass jetzt zusammenwachse, was zusammengehöre, ist im elften Jahr der vollzogenen Vereinigung längst verflogen. An ihre Stelle sind vielfältig sich artikulierende Enttäuschungen oder dumpfe Ressentiments getreten, die sich in einer erschreckenden Gewaltbereitschaft gegenüber allem, was als fremd und eo ipso feindlich empfunden wird, äußern."

Willms beschreibt knapp, interessant, gelegentlich sich in überflüssige Details verlierend, woher es kam, das deutsche Kleinbürgertum, und welche Folgen sein beschränktes, ängstliches und so grenzenlos egoistisches Denken vor allem für das 19. und 20. Jahrhundert besaß. Der "Mittelstand" war es, der Hitler massenweise verfiel und dessen bigott-selbstgerechtes Empfinden die alte Bundesrepublik nicht weniger prägte als die DDR.

Hübsch zu lesen, dass da auch einmal einer schreibt, dass der "kleine Mann" nicht nur Opfer und Verführter ist, sondern in erheblichem Maße auch Täter. Fremdenfeindlich und von heuchlerischer Moral, greift er zur Bild-Zeitung und findet die Welt so lange gut, solange es ihm gut geht. "Der Kleinbürger, der sich stets als geborener Verlierer sieht, ist aus schierem Instinkt feige. Nur die Gruppe, die geifernde Rotte verleiht ihm die Illusion der Stärke, Macht und Bedeutung." Und die Politik verbeugt sich vor dem Souverän, der so ganz unsouverän die Welt betrachtet. Allerdings nicht nur in Deutschland, wie dieser Essay es suggerieren könnte. Nichts wirklich Neues weiß Willms zu berichten, aber in diesen Zeiten der Anpassung zeugt es schon von Mut, von der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu sprechen, die uns auch 200 Jahre nach Immanuel Kant immer noch heimsucht.

Johannes Willms: Die deutsche Krankheit. Eine kurze Geschichte der Gegenwart; C. Hanser Verlag münchen/Wien 2001; 175 S., 14,90 €