T he controversial new album from Prince", verkündet der kleine gelbe Aufkleber, ohne den das Produkt schwer zu identifizieren wäre. Kein Name steht auf dem Cover, keine Werbekampagne hat es angekündigt, auch eine Debatte darum hat nie stattgefunden. "Kontrovers" ist das Album des Künstlers, der sich jetzt wieder Prince nennt, gerade weil es auf alles verzichtet, was sonst den dramaturgischen Akt des Erscheinens begleitet. Es erlaubt sich den Luxus, einfach herauszukommen und Musik zu enthalten.

Mit Plattenfirmen, wie wir sie kennen, ist so etwas heute nicht mehr zu machen: zu viel Gedöns, zu viel Apparat. Wer The Rainbow Children erwerben möchte, muss - von wenigen Import-CDs abgesehen - den Weg übers Internet gehen. Unter www.npgmusicclub.com , der Adresse von Prince' eigener Plattenfirma, wird der (kostenpflichtige) Download angeboten. 15 000 Zugriffe bereits am ersten Tag, das macht bei einer nicht eben geringen Schutzgebühr von 100 Dollar pro Datensatz eine Tagesgage von 1,5 Millionen. Und das Beste daran: Die Industrie sieht nichts davon.

Ein Freund der fonografischen Branche ist Prince Rogers Nelson wirklich nicht. Beschimpfungen und Verwünschungen sind wesentliche Bestandteile der Interviews aus den Zeiten, als er noch bei Warner Brothers unter Vertrag stand: Die Firma hatte versucht, ihn in seinem schöpferischen Prozess zu reglementieren. Prince, dessen Output sich noch nie an die Verwertungszyklen der Industrie hielt, reagierte mit bizarren Marketingideen, Phasen der gezielten Über- wie Unterproduktion von Stücken, die er auf den Markt warf - und schminkte sich "slave" auf die Wange. Sein radikalster Akt im Kampf um die künstlerische Kontrolle stellt zugleich die Todsünde in Zeiten der Corporate Identity dar: die Auslöschung des eingetragenen Warenzeichens zugunsten einer unaussprechlichen Hieroglyphe.

TAFKAP (The Artist Formerly Known As Prince) und TANKAS (The Artist Now Known As Symbol) - die zwei unverzichtbaren Kürzel der Prince-Berichterstattung der Neunziger waren ein Sechs-Buchstaben-Witz. Doch auch wenn manche seiner Platten an Selbstsabotage grenzte - der Artist ließ sich nicht beirren, gehorchte nur seiner inneren Stimme, verfolgte die unergründlichen Pfade des Netzes. Und siehe, inzwischen ist es nicht nur Mode geworden, die Schallplattenindustrie zu schelten, die mit Zittern den Jahresendbilanzen entgegenblickt (es steht noch schlechter als im Journalismus!), seit der Auflösung des Vertrags mit Warner ist auch der alte Bühnenname zurück. Vor allem aber macht es wieder Spaß, Prince zuzuhören.

The Rainbow Children beginnt mit einer Stimme wie Donnergroll. Es sei an der Zeit, das Gesetz richtig auszulegen und eine neue Nation zu errichten, verkündet sie, ein Reich, in dem Mann und Frau sich achten, ihre Kinder in diesem Geiste erziehen und auf das Wort des Weisen hören, der wiederum die Gesetze des Herrn vertritt. Mit Pauken und Klarinetten setzt eine leise swingende Jazzrock-Musik ein: Vorbote einer in 14 Klangkapiteln ausgebreiteten Gedankenwelt, die zunächst fantastisch wirkt - aber auch nicht fantastischer als das Christentum.

Das Orakel aus Minneapolis

Es geht um Engel und um Versuchungen, um die Hüften einer Frau wie Milch und Ebenholz, um Sex, Niedertracht und den Auszug aus der Knechtschaft des Pharaos. Immer wieder kommentiert der digitale Bass das Geschehen wie ein Orakel aus dem utopischen Off. Einmal tritt sogar Thomas Jefferson auf, um die Schuld an der Versklavung der schwarzen Bevölkerung auf sich zu nehmen. Und die Trompeten locken mit einem Miles-Davis-Solo. Und die Chöre schrauben sich chromatisch empor. Und fette Funk-Bässe versuchen, die Ungläubigen mit Macht auf ihre Seite zu ziehen. Und wer immer noch nicht überzeugt ist, der kann im hübsch ausgemalten Booklet oder im Netz - Prince' ureigener Schreibweise folgend - nachlesen, was das babylonische Stimmengewirr sagen will.