"Join the party, make a sound, share the truth, bring the good news, don't let nobody bring U down." Der Mythos von den Regenbogenkindern ist eine Variation biblischer Erzählungen, gemixt mit Szenen aus dem Geschichtsbuch und Science-Fiction-Elementen, vorangetrieben von einer Musik, die sich an spirituellen Momenten der schwarzen Tradition energetisiert. Gospel-Sounds schwingen mit, der Jazz der sechziger Jahre ist herauszuhören. Man denkt auch an einen Mann wie Sun Ra, der mit seinem ständig wechselnden, vielköpfigen "Arkestra" den Auszug der (schwarzen) Erdenbürger ins Weltall herbeiimprovisierte. Und doch geht es hier weniger um den alten Raum des Free Jazz. Digital Garden heißt ein Titel, und so klingt er auch: als hätte ein Wilderer sich im virtuellen Paradies verirrt.

Es ist das Zusammentreffen von Experiment und Spiritualität im Cyberspace, das einen Mann wie Prince interessiert. Tatsächlich entspricht das ja der Situation im Paisley Park, der High-Tech-Soundfabrik am Rande von Minneapolis, die ihm als Studio dient. Wenn nicht Legende ist, was er über sich verbreitet, sitzt er dort Nacht für Nacht ohne Schlaf, versucht die Klänge, die er in seinem Kopf hört, auf Festplatte zu bringen, während ein kleines Orchester sich ständig in Bereitschaft halten muss. Die Möglichkeiten sind dabei ebenso unbegrenzt wie die Sehnsucht, sie technisch umzusetzen. Er sieht es selbst: "There's so much in4mation 4 the next generation." Vielleicht haben Prince Rogers Nelsons Klangvisionen deshalb manchmal etwas von einem leicht durchgedrehten Computerspiel. Im Reich des Cyberspirits ist jede Möglichkeit bloß einen Mausklick entfernt.

Heil machen wird er die Welt damit auch nicht, aber es ist schön und auch zart, wie er es sagt. Als graziles Zwergengenie verkörpert Prince den Gegenpol zu einer Figur wie Mi-chael Jackson, dem Püppchenpapst und tragisch gescheiterten "King of Pop". Womöglich werden ihre letzten beiden Platten ähnliche Verkaufszahlen erreichen, doch wo Jackson einen unendlichen Anlauf benötigte, um dann ein Werk vorzulegen, das es jedem und damit keinem recht machte, produziert Prince befreit, beständig und unter eigener Kontrolle. Und wo Jackson sich nie von der Knute der Industrie, die ihn groß gemacht hat, befreien konnte, besteht bei ihm höchstens die Gefahr, sich in den unendlichen Möglichkeiten des Digitalen zu verlieren.

Bis dahin hat er den lebenden Beweis angetreten, dass man auch ohne Marktgeschrei erfolgreich sein kann, manchmal sogar erfolgreicher, und dass es sich auch heute noch an Prince-Meisterwerke wie Sign O'The Times anknüpfen lässt. Mehr noch - die Umstände der Veröffentlichung seines jüngsten Albums sind praktische Kritik am System: Eine Industrie, die sich eine "Bank" wie The Rainbow Children entgehen lässt, kann nicht gesund sein.