Er stößt das Fenster auf nach Westen. Deutsche Politiker umjubeln ihn als engen Freund, der US-Präsident bewirtet ihn auf seiner Ranch - er ist die Symbolfigur des neuen Russland. Der Mann mit dem gewinnenden Lächeln lässt Zugluft durch sein Land wehen, um den Staub in den Winkeln aufzuwirbeln. Winkel gibt es viele, da braucht es reichlich Zugluft. Täglich unterzeichnet er Dekrete und Gesetze. Er will Staat und Gesellschaft umkrempeln, die Wirtschaft modernisieren. Michail Gorbatschow? Nein, die Rede ist von Wladimir Putin. Aus dem hölzernen Polit-Aschenputtel mit Agentenlaufbahn ist in den zwei Jahren, seit er die Macht ergriff, ein gefeierter Star auf der nationalen und internationalen Bühne geworden.

Manche Russen kennen die Qualitäten ihres Präsidenten schon lange. Deshalb ehren sie ihn mit allen staatlich zugelassenen Mitteln. In Tscheljabinsk wurden im Sommer Biskuittorten mit dem zuckergussverzierten Konterfei des Präsidenten gebacken. Dichter im weiten Land schreiben Oden an den Helden im Kreml. Beamte lassen Schilder dort aufstellen, wo Putin dereinst zu wandern beliebte, wo er Rast machte und Wasser schöpfte. Es werden Putin-Teppiche gewoben, Präsidentenbüsten geformt und Putin-Kalender gefertigt. Sein Abbild ist als Holzpuppe, auf Postern, Ölbildern und Spielkarten zu kaufen. Der Präsidentenjoker sticht immer - im Spiel wie im echten Leben.

So viel Ruhm wurde Michail Gorbatschow im eigenen Land nicht zuteil. Im Westen sind die beiden russischen Staatsmänner indes beliebt. Ihre Reformpolitik kam und kommt dort bestens an. Gorbatschow öffnete in den achtziger Jahren die Sowjetunion. Er brachte eine gesellschaftliche Revolution in Gang, indem er die Menschen reisen ließ und ihnen nicht mehr den Mund verbat. Er handelte mit den Amerikanern die Raketenzahlen herunter und ließ die sowjetischen Satellitenstaaten Osteuropas gen Westen ziehen, ohne ihnen auch nur einen Schuss hinterherzujagen. Gorbatschow gab seinen Segen zur deutschen Wiedervereinigung. Doch am Ende stand er mit einem zerbrochenen Reich da. Er war ein Verlierer.

Instinktsicher ins Große Spiel

Wladimir Putin beeindruckte den Westen mit seiner dramatischen Halse vom 11. September. Wenige Stunden nach den Terroranschlägen auf Amerika blies der russische Präsident eine Übung seiner Bomberflotte Richtung Nordamerika ab. Putin ist dem US-Krieg gegen die Islamisten ohne großes Wenn und Aber beigetreten. Er lässt den russischen Lauschposten Lurdes auf Kuba schließen und zieht seine Marine aus dem Stützpunkt Kamran in Vietnam zurück. Die einseitige Kündigung des ABM-Vertrages durch die Amerikaner schluckt er lächelnd herunter. Noch vor Monaten hatte er das Ende aller Abrüstungsverträge angedroht, nun erklärt er sich flugs zu weiteren Verhandlungen bereit. Putin spielt seit September nicht mehr die bevorzugte Schachpartie der russischen Elite: Verlieren wir einen Bauern, müsst auch ihr einen abgeben. Der 49-Jährige hat sein Land aus dem Schmollwinkel der Weltpolitik herausgeführt. Statt sich - wie ein Moskauer Politguru - darüber zu erregen, wieder einmal nicht gefragt worden zu sein, bietet sich Putin von allein an. Mit dem Charme äußerlicher Bescheidenheit und bester Kenntnis der Dinge. Der russische Präsident rechnet nicht mehr auf und steht doch glänzend da: als der außenpolitische Gewinner des Jahres 2001.

Warum zeitigt die in mancher Hinsicht durchaus vergleichbare Politik von Gorbatschow und Putin bisher so unterschiedliche Ergebnisse? Geht Putin geschickter zu Werke? Was machen die traditionellen Stahlbeißer daheim?

Ein Unterschied fällt sofort auf. Im Gegensatz zu Gorbatschow, der sich auf den Westen zubewegte, ist in den vergangenen Monaten die Welt Russland und seinem Präsidenten näher gerückt. Die großen Themen seit dem 11. September sind Putinismus pur: der Kampf gegen den Terror, die Bedrohung durch islamistische Bewegungen, die Stählung von Staat und Gesellschaft durch Polizei, Geheimdienst und Antiterrorgesetze, der Feldzug gegen die Taliban und die Stabilisierung der morschen zentralasiatischen Regime. Putin predigt all das, seitdem er 1999 Bomber und Panzer an den Kaukasus schickte, um Tschetschenien zurückzuerobern. Das neue Denken im Westen scheint auf verblüffende Weise Russlands Warnungen zu beherzigen.