Mit dem 11. September griff nun ein Ur-Ereignis, ein Mega-Ereignis ein in unseren mehr oder weniger provinziellen Trott. Seither, so heißt es, seien die Menschen wieder nachdenklicher geworden, fragten ernster nach den eigentlichen politischen Themen; manche hielten es sogar wieder mit der Religion. Doch stimmt das denn? Wenn die Menschen, die Politiker wie die Bürger, wirklich ernster über die Politik nachdächten, dann müsste doch die Politik selber ernsthafter aussehen, müssten einige Scheinstreitigkeiten (etwa über das Einwanderungskontroll-Gesetz, das nur noch naive Idealisten und raffinierte Semantiker "Zuwanderungsgesetz" nennen) längst beiseite geschoben worden, müssten Fragen des persönlichen Ehrgeizes und der Kandidaturen längst beantwortet und müsste ein Gesetz wie das 630-Marks-Gesetz längst novelliert worden sein. (Der einzige messbare Reformfortschritt war der Wegfall des Rabattgesetz, aber selbst der einzig bekannt gewordene praktische Anwendungsfall hat dem bekannten Ordnungspolitiker Kurt H. Biedenkopf mehr Scherereien gebracht als Vorteile.) Nein, von Tag zu Tag glaube ich weniger an die Rückkehr der echten Politik - und seit die El Kaida im Großen und Ganzen ziemlich besiegt ist, sind auch viele derjenigen mit dem Krieg in Afghanistan versöhnt, die in ihm den Anfang zum Weltuntergang sehen wollten. (Was will man auch machen, wenn viele Überlebende des Taliban-Regimes nach dessen Fall jubeln? Ihnen sagen, sie hätten falsch gejubelt?) Seither jedenfalls ist auch die Aufmerksamkeit für dieses Mega-Ereignis so weit abgeflaut, dass sogar die dementierte Meldung glaubwürdig klingt, Rudolf Scharping habe vorgehabt, mit seiner Frau Freundin an Weihnachten unter die Palmen zu fliegen. Übrigens - auch dies, siehe oben: Rudolf Scharping - wie lange noch?

Komisch, je länger ich mir dieses merkwürdige Jahr anschaue, desto deutlicher denke ich: Wie schön, dass es bald um ist! Obwohl also wenig dafür spricht: Freuen wir uns auf das neue Jahr 2002. Den Lesern, die dieser Kolumne bis hierher treu geblieben sind: Alles Gute!

P.S.: Nun ein wenig Urlaub. Am 16. Januar lesen wir uns wieder. Hoffentlich!

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