Fehlt nur ein Comic über den Skispringer Adam Malysz - darin ist ihm die polnische Fußball-Nationalmannschaft noch überlegen. Die Fußballer müssten im Sommer 2002 aber mindestens Weltmeister oder wenigstens Vizeweltmeister werden, um dem bescheidenen Jungen aus dem Bergdorf Wisla die Gunst eines jeden Polen abzujagen. Voller Stolz bewundert ihn die ganze Nation in der Rolle des Heilsbringers. In dieser speziellen Disziplin hat Malysz alle polnischen Fußballspieler weit hinter sich gelassen, obwohl sie in dieser Saison überraschend gut spielen; vor allen Big Brother- und Soap-Sternchen liegt er in der Gesamtwertung ohnehin, von sämtlichen Darstellern auf der politischen Bühne und allen Vertretern der Kunst- und Kulturelite Polens ganz zu schweigen.

Man kann gar die bilderstürmende These riskieren, dass Malysz im polnischen Herzen einen Platz gleich neben Papst Johannes Paul II. einnimmt, der im Übrigen aus derselben Gegend Polens stammt. Diese Behauptung wird vom Ergebnis einer Umfrage zum Thema »Wer ist der herausragendste Pole des letzten Jahrhunderts?« gestützt. Dort erscheint Malysz an zweiter Stelle hinter Johannes Paul II. - gefolgt von bedeutenden Staatsmännern, denen Polen so historische Errungenschaften wie seine Unabhängigkeit, den Bruch mit dem Kommunismus und eine entschiedene Führung in schweren Zeiten verdankt. Malysz springt eigentlich nur.

Wie entstand diese außergewöhnliche Verehrung - von bloßer Popularität kann man nicht mehr sprechen - für einen unscheinbaren Menschen, der zwar eine Sportart mit durchaus überdurchschnittlichem Erfolg ausübt, aber doch eine Sportart, die in der ganzen Welt wesentlich weniger Zuschauer findet als Fußball, Basketball und Formel 1? Es ist nicht leicht, eine Antwort auf diese Frage zu finden, und sicherlich lässt sie sich nicht in einem Satz zusammenfassen.

Zunächst einmal gelang es Adam Malysz innerhalb eines Jahres, den größten Sporterfolg im freien Polen nach dem Fall des Kommunismus zu erringen: Er siegte bei der Vierschanzentournee mit dem bis dahin größten Punktabstand, wurde Weltmeister und gewann auch noch den Weltcup.

Seit Jahren hatten sich die Polen nach solch einem nationalen Sportidol gesehnt. Zuerst setzten sie auf den Boxer Andrzej Golota, der scheinbar gute Chancen hatte, in der prominentesten Klasse des Profiboxens, dem Schwergewicht, den Weltmeistertitel zu erlangen. Doch nach anfänglichen Erfolgen biss Golota entweder seinem Kontrahenten das Ohr ab oder verließ fluchtartig den Ring oder ließ sich gleich in der ersten Runde k. o. schlagen.

Zum Helden taugte er trotz aller Anstrengungen von Medien, Popstars und Politikern also eher weniger. Wer blieb, um dem nach Idolen hungernden Volk ein Vorbild zu werden? Ein Meister der mystischen Kampfkunst Kickboxen? Ein umwerfender Hammerwerfer? Eine Riege von Goldmedaillengewinnern im griechisch-römischen Ringen? Alles in allem Sportdisziplinen, die selten im Fernsehen Sendezeit bekommen, und Meister, die man eher als exotisch betrachten muss.

Dann aber aus heiterem Himmel: Malysz. Nicht vor den Augen der ganzen Welt, aber für alle Fans jener Sportart in Europa und Japan. Und er fliegt wie niemand je zuvor. Jetzt, ein Jahr später, in der neuen Saison, ist er wieder fast unschlagbar.