Ich hatte einen neuen Computer und einen digitalen Fotoapparat gekauft, die Sache konnte beginnen. Das war im Januar. Nun ist Dezember, das Buch ist fertig, die Kamera ist gestern kaputtgegangen, der Computer muss noch diesen Text lang halten, dann kaufe ich im Januar einen neuen, wegen der Steuer.

Als ich im Januar begann, kannte ich den Titel meines Projekts, Deutsches Theater . Der Plan war, die verschiedensten deutschen Plätze, Personen und Situationen aufzusuchen, anzusehen, auszumessen, wirken zu lassen. Hingehen, zur Not einschmuggeln, tarnen, Tag sagen, mitmachen, nachfragen, notieren, fotografieren, heimgehen, auswerten. Und dann wieder los! Dauernd musste ich wieder los, das wurde zum Problem. Hatte ich am Anfang noch Angst gehabt, es könnte zu wenig Orte geben, hatte ich schon bald die Not, zu wenige Personen zu sein. Denn war ich hier, fehlte ich dort. Der Kirchentag! Karl Moik in Dubai! Frau Wussows Altkleiderversteigerung in ihrer Hamburger Garage! Der Architekt des Obersalzberg-Hotels zeigt ein Modell!

Verpasst, herrje, das kam nur einmal, das gab's nie wieder, aber gerade DIESER Aspekt wäre solch ein Deutschland-Theater gewesen, grämte ich mich, jammerte aber nicht, sondern fuhr woanders hin, manchmal direkt von einem Schauplatz zum anderen, um unterwegs noch einen dritten zu entdecken, der ja nun wirklich DRINGEND mit hineinmusste. So saß ich dann zu Hause (sagen wir für dieses Jahr besser: in jener Wohnung, für die ich Miete bezahle) und lud die Bilder von der Kamera in den Computer, öffnete eine neue Textdatei, musste diese aber nach fehlgeschlagenen Schreibversuchen in den Ordner unvollendet schieben. Denn mit dem Text im Kopf ist es nicht so leicht wie mit den Daten in der Kamera, die verlässlich in genau der Zahl, die man gemacht hat, heraussurren, aber nein, er behielt manchen Text bei sich, und ich nahm ihn wieder mit hinaus, meinen Kopf. Freunde machten sich schon bald über mich lustig, indem sie merkwürdige Termintipps aus Lokalzeitungen ausrissen, sie mit dem Zusatz »Wäre das nicht auch was für dich?« versahen und mir zuschickten. Ich schickte ihnen als Antwort das Foto einer deutschen Bushaltestelle. Meine diesbezügliche Sammlung wuchs im Verlauf des Jahres zügig, es sind nun ungefähr 400. Denn sind nicht Bushaltestellen auch herrliche Bühnen? War ja die Suchfrage des Projekts: Wo sind die Bühnen, wer spricht welchen Text, wer führt Regie, wer außer Heinz Rudolf Kunze bemalt die Kulisse mit Hakenkreuzen? Ich sammelte alles, es uferte aus. Ein anderer Konstruktionsnachteil des Menschenkörpers im direkten Vergleich mit einer Digitalkamera: Man kann ihn nicht dauernd wieder aufladen.

Mein Wohnort Berlin hatte einen großen Vor- (fürs Buch) wie Nachteil (für die Rekreation, die so ausblieb): Dauernd ist was. Oder vielmehr: Dauernd scheint es, als sei was. Also wieder los. Und weil man dort, wo was zu sein scheint, noch ein Nachteil, natürlich zumeist (sobald es ein »Anlass« ist, und in Berlin ist ja gerade alles und jeder ein Anlass) nicht der Einzige mit Notizblock, Aufnahmegerät und Kamera, allein dafür sind diese Ereignisse ja da. Durchaus gibt dieser notorische Kamerasaum, diese Multiplikatorenpallisade ein paarmal ein hübsches Motiv ab. Recht bald aber dachte ich beim Betrachten dieser Bilder der Bildermacher: Nö, da sammele ich doch lieber Bushaltestellenfotos. Und Klingelschilder! Briefkästen! Hinweisschilder!

Zum Glück hatte ich vom Verlag eine Seitenzahlbegrenzung mit auf die Wege bekommen und einen Manuskriptabgabetermin, den ich allerdings mehrfach nach hinten verschob, wegen eines »jetzt wirklich letzten«, da ich noch das und das gehört hatte, deshalb noch da und da hinmusste; danach dann »ganz im Ernst, nur das noch, denn wenn das fehlt, hat das ganze Buch Schlagseite«.

Denn theoretisch konnte alles hinein. Als ein Minister mit dem Chefredakteur der Bild- Zeitung für einen Tag seinen Beruf getauscht hatte, wollte ich dringend hin. Was für ein Schauspiel! Es war ein heißer Tag, ich kam schwitzend aus Hamburg (wo ich stundenlang einen Bahnsteig fotografiert hatte), eilte zum Ministerium und scheiterte am Pförtner. Nach einigen Minuten (als er sich gerade wieder beruhigte, in sein Brot biss und mit Butterfingern das Radio lauter stellte, woraufhin ich ausfallend wurde, dann wieder er und so weiter) wurde deutlich, dass hier ein viel besseres deutsches Stück aufgeführt wurde als das verpasste Grinse-Kasperletheater vor Apfelschorlen. Also: Nicht ärgern - notieren! Wichtig!

»Hier, sehen Sie: mein Ausweis.«