Arusha

Zwischen den Stuhlreihen der Kirche lagen zerstückelte Leichen. Abgeschlagene Gliedmaßen, zertrümmerte Schädel, blutverschmierte Kleider, verdorrte Hautfetzen, Oberschenkel im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung, verstreute Wirbelknochen, Fingerglieder, Zähne. Das Szenarium hatte etwas Unwirkliches, künstlich Arrangiertes - nature morte, ein Stillleben der Grausamkeit. Die Wahrnehmung wollte sich in ästhetische Kategorien flüchten, um der unerträglichen Wirklichkeit zu entkommen. Weil es einfach nicht wahr sein konnte, nicht wahr sein durfte, was in der Kirche von Ntarama zu sehen war. Aber es blieb dieser unsägliche Leichengestank. Und die Stille. Die Totenstille, die aller Auslöschung folgt.

Das Massaker geschah am 15. April 1994. Die Mörder verrammelten die zwei Eingänge des Gotteshauses, in das die Dorfbewohner geflohen waren. Dann begannen sie, die Asylsuchenden systematisch abzuschlachten. Mit Macheten, Messern, Äxten. Im Schichtdienst. "An diesem Tag starben mindestens 4000 Menschen", berichtet der Küster. Ntarama war einer der zahllosen Schauplätze des Völkermordes von Ruanda - des furchtbarsten Menschheitsverbrechens seit dem Holocaust und den Killing Fields von Kambodscha. In 100 Tagen brachten das Regime der Hutus und seine Helfershelfer 800 000 Menschen um, überwiegend Angehörige der ethnischen Minderheit der Tutsi, aber auch oppositionelle Hutus. Es war der erste Genozid, bei dem die Weltgemeinde tatenlos zusah. Wieder irgendein Stammeskrieg irgendwo in Afrika, was könnte man dagegen schon tun? Die Vereinten Nationen zogen ihre Blauhelme ab, als das große Morden begann. Die zuständige Abteilung in New York wurde seinerzeit von einem Beamten namens Kofi Annan geleitet.

Sieben Jahre später, in einem Gerichtssaal, begegnet uns die Stille von Ntarama wieder. Sie nistet im Schweigen des Angeklagten, zwischen den zögerlichen, ängstlichen Worten des Zeugen, in den Sprechpausen, die durch die Übersetzung der Aussagen ins Englische entstehen. Wir befinden uns in der tansanischen Stadt Arusha, 700 Kilometer östlich von Ntarama, im Tribunal pénal international pour le Rwanda. Das Strafgericht der Vereinten Nationen versucht, die Hintergründe des Massenmordes von 1994 aufzuklären und die Verantwortlichen zu bestrafen.

Einer der mutmaßlichen Täter sitzt gerade auf der Anklagebank im Gerichtssaal II. Ein wohlbeleibter, gepflegter Mann mit Goldrandbrille und einer schmissartigen Narbe auf der rechten Wange: Juvénal Kajelijeli, Exbürgermeister von Mukingo in der Präfektur Ruhengeri, verhaftet am 5. Juni 1998 in Benin, Gerichtsakte ICTR-98-44. Ihm wird vorgeworfen, die Ausrottung der Tutsi in seinem Amtsbereich organisiert und bei der Ausführung persönlich mitgewirkt zu haben.

Kajelijeli soll zu den allerersten génocidaires gehört haben, zur Elite der Politiker, Parteifunktionäre, Armeeoffiziere, Gendarmen und Milizionäre, die nach dem mysteriösen Abschuss des Flugzeuges von Präsident Habyarimana am 6. April 1994 gegen acht Uhr abends den Befehl zum gleichzeitigen Losschlagen gaben. Jedenfalls wurde er anderntags schon um sieben Uhr morgens auf dem Marktplatz von Mukingo gesehen, an der Spitze eines Trupps von 200 bestens ausgerüsteten Schlächtern - sie begannen ihr Mordwerk früher als geplant.

Eine schalldichte Glaswand trennt die Zu-schauerränge vom Gerichtsraum. Gerade sagt ein Augenzeuge unter dem Decknamen Jao aus; ein dunkelgrüner Vorhang schützt ihn vor den Blicken des Angeklagten. Kajelijeli schweigt. Er lässt seine Verteidiger sprechen, eloquente Anwälte aus Frankreich und Amerika. Sie verschleppen und verzögern einen Prozess, der nun schon zehn Monate dauert. Zu lange für die Opfer drüben in Ruanda. Sie fordern Schnellgerichte und Todesurteile. Viele haben das Vertrauen in das Tribunal verloren, und es vergeht keine Woche, in dem ihm nicht seine Nutzlosigkeit attestiert wird. "Zugegeben, unsere Ergebnisse sind bisher recht mager", räumt Jakow Ostrowskij ein. Er ist einer der 16 Richter des Tribunals. "Dennoch zeigen wir, dass die internationale Gemeinschaft massive Menschenrechtsverletzungen nicht mehr hinnimmt. Und das ist geradezu revolutionär." Dies klingt aus dem Munde eines russischen Richters besonders überzeugend, und es bedeutet, dass sich kein Staatsverbrecher mehr hinter den Grenzen und Gesetzen des eigenen Landes verstecken kann. Wer sich immer noch unantastbar wähnt, muss spätestens seit dem 4. September 1998 umdenken. An diesem Tag verurteilte das Tribunal Jean Kambanda zu lebenslänglicher Haft; dem ehemaligen Premierminister von Ruanda war aktive Beteiligung am Völkermord nachgewiesen worden.