Wer einmal wachsam durch den Wald gewandert ist, der weiß, dass Ideen nicht auf Bäumen wachsen und Spatzen nicht mit Bachstelzen tanzen. Wer allerdings aus dem Wald hinauswill in die Welt, der muss das Unverhoffte suchen und notfalls bereit sein, dem Spatz die Beine lang zu ziehen, damit er zur Bachstelze passt. John Neumeier wollte raus aus dem Wald, indem er sich immer tiefer hineinstürzte, dabei hat er sich hoffnungslos verlaufen. Vor einiger Zeit fasste der Chef des Hamburger Balletts den Plan, die Winterreise zu choreografieren, aber je fester der Entschluss, desto verzwickter der Plan, jedenfalls kam ihm der 11. September dazwischen. Wenn Neumeier nun von Verwirrung spricht, darf man dem Amerikaner, der seit über 30 Jahren Deutschlands Tanzszene prägt, ruhig glauben, aber gerade der ehrliche Impuls lässt jeden Schritt des entstandenen Werkes vollkommen falsch wirken, herbeigezwungen, erpresst. Da konnte Neumeier eine bestehende Affinität nicht von einer akuten Erschütterung trennen und musste darum die "irritierende Aktualität" seines Gegenstandes entdecken, ein Trick, der in den vergangenen Wochen schon mehrfach nicht funktioniert hat.

"Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh ich wieder aus": Der elegische Ton von Wilhelm Müllers Gedichtzyklus beruht bereits auf einer Ambivalenz, auf den konträren Sehnsüchten eines Wanderers, der niemals ans Ziel kommen kann, weil ihn Weltflucht und Ichflucht gleichermaßen umtreiben. "Die kalten Winde bliesen / Mir grad ins Angesicht; / Der Hut flog mir vom Kopfe, / Ich wendete mich nicht." Schuberts Vertonung hat das Traurig-Innige der Verse noch vertieft, doch Neumeier verwechselt es gründlich mit seiner persönlichen Betroffenheit und die wiederum mit seinem Begriff von der Verlorenheit des Menschen; eigentlich will er ein Requiem anstimmen, aber sich nicht der Verzweiflung hingeben, darum bleiben die Tänzer stecken im weinerlich-trotzigen Matsch der Vergeblichkeit. So viel Wind, so wenig Bewegung. Man ahnt die Vision, doch sie teilt sich nicht mit.

Eine schlechte Pantomime schon das Entree: Da weht ein staksiger Mensch im schwarzen Theatertrenchcoat herein, fuchtelt unbeholfen mit seinem Schirm herum; leider ist diese Unbeholfenheit aber kein Abbild der Trostlosigkeit, die Müllers Verse so stark grundiert, auch wenn wir uns angewöhnt haben, mehr auf die heimeligen Motive zu hören, das Rauschen der Bäume, das Sausen des Winds und den knirschenden Schnee. Das muss man Neumeier immerhin lassen: Er hatte ein Gespür für die abgründigen Töne der romantischen Stimmungskunst, für das Byronsche an Müllers Texten (der eine Biografie des Begründers der Weltschmerzdichtung verfasste), sonst hätte er nicht Hans Zenders orchestrale Schubert-Interpretation gewählt, die unter musikalischer Leitung von Lothar Koenigs sehr klar und sehr großzügig aufgespannt wird zum eigentlichen Raum des Geschehens. Darin darf der wunderbare Tenor Scot Weir die irren Hunde heulen und die Flüsse gefrieren lassen; weil er sich nicht in Schnörkeln verfängt, sondern die Unrast und das Zögernd-Drängende von Zenders Melodieführung forciert, vermittelt er dem Publikum umso deutlicher, was Neumeiers Choreografie fehlt: die Bindung ans Sujet.

Aus klassisch-modernem Bewegungsrepertoire, aus solistischer Verknäulung und feinsinnigem Pas de deux, aus dem untänzerischen Gestus des Körpertheaters und dem fließend Schönen des Balletts, aus Schneeflockengewimmel und suggestiver Massenszene schafft Neumeier einen Widerspruch, der das disparate Verhältnis zwischen Liedgrundlage und Bild noch verschärft. Wie die neonfahle Straßenlaterne nicht zum puscheligen Kunstschnee passt, die brachial-komische Videoeinspielung nicht zur unterkühlten Bühne, so konterkariert das Urbane der Choreografie die ländliche Herkunft der zugrunde liegenden Lyrik. So muss der Spatz mit der Bachstelze tanzen, die Poesie mit der Nachrichtenlage - ein schlimmes Gehumpel. Der schiere Gegensatz macht noch keine Spannung.

Vielleicht hätte John Neumeier sich die Freiheit nehmen sollen, angesichts seiner Gemütslage und des Weltzustandes die Winterreise wie geplant zu inszenieren (um hinterher eine Überzeitlichkeit festzustellen, die er seiner Choreografie nun vergeblich einzuprügeln versucht) oder das Vorhaben ganz zu verwerfen. Wenn schon deutscher Winter, hätte man sich nicht in ein Laboratorium politischer Fantasie wagen können? Radikalerweise Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee verhackstücken?

Wo der Jetset arm dran ist

Nun wirkt die Winterreise allem entrückt, ohne Bezug zu irgendwas. Hätte man sie sich vorstellen können als langsamer knirschender Morgen? Als gefährliches weißes Rauschen? Als verkommenes Ufer? Wir Zuschauer nicht, aber einem John Neumeier hätten wir es zugetraut, der schon vor Jahren im romantischen Genre brillierte (mit Mahler, mit Des Knaben Wunderhorn) und auch im sinfonischen Ballett, wo es darauf ankommt, sich einem Thema gegenüber Autonomie zu erkämpfen, die Musik zu studieren und sie durch die Bewegung erst zu verstehen. Schuberts Winterreise wird als sinfonisches Lied bezeichnet, weil der Komponist sich so auf den Text eingelassen hat, dass er sich von ihm freimachen konnte. "Die Freiheit hat sich den Fuß verrenkt", steht in Heines Wintermärchen - wie in der Dichtung also auch in Wahrheit und in Hamburg. Hier müssen die Tänzer lächerlich aufs Wort folgen und bei "Ruh" umfallen. Vom kopfüber an der Decke hängenden Lindenbaum zu schweigen.