Wer gedacht hat, mit dem Ende des Krieges in Afghanistan sei die größte Gefahr gebannt, hat sich getäuscht. Der gefährlichste Konfliktherd in dieser Weltregion steht in diesen Tagen kurz vor der Explosion: Kaschmir. Indien hat Panzer und Soldaten an der Grenze zu Pakistan aufmarschieren lassen

Krieg ist eine offen ausgesprochene Option indischer Politik.

Auslöser dieser jüngsten Krise war ein Attentat. Am 13. Oktober attackierten fünf Selbstmordattentäter das indische Parlament. Insgesamt zwölf Menschen starben. Indien beschuldigte sehr schnell den üblichen Verdächtigen: Pakistan. Nach Auffassung der Inder steht der pakistanische Geheimdienst ISI hinter den Attentätern. Die Pakistani weisen dies empört zurück. Es ist das sattsam bekannte Spiel gegenseitiger Beschuldigungen zwischen zwei verfeindeten Nachbarn.

Die Feindschaft zwischen Indien und Pakistan gründet in Kaschmir. Dreimal haben die beiden Staaten um diese geteilte Region Krieg geführt. Eine Lösung gibt es bis heute nicht. Im Gegenteil. 1989 brach in Kaschmir ein Aufstand aus. Seitdem sind zwischen 35 000 und 70 000 Menschen ums Leben gekommen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Pakistan die muslimischen Aufständischen unterstützt. Viele Mudschahidin werden im pakistanischen Teil Kaschmirs ausgebildet und dann über die Grenze nach Indien geschleust. Klar ist auch, dass die indischen Sicherheitskräfte sich in Kaschmir grausamer Repression schuldig machen.

Bei der jetzigen Auseinandersetzung handelt Indien ganz nach dem Modell, das die USA in ihrem Kampf gegen den Terror vorgegeben haben. "Entweder", heißt die Botschaft aus Neu-Delhi, "ihr Pakistani beendet sofort die Unterstützung für die Mudschahidin. Oder wir werden die Ausbildungslager der Terroristen in eurem Land selber mit Gewalt schließen!" Das klingt ziemlich genau wie die Nachricht, welche die USA nach dem 11. September dem pakistanischen Präsidenten, Pervez Musharraf, überbrachten: "Entweder ihr seid mit uns oder gegen uns!" Damit wollte Washington die Unterstützung für das Taliban-Regime unterbinden.

Damals stellte sich Musharraf hinter die USA. Mit Erfolg. Die fundamentalistischen Kräfte im eigenen Land waren nicht stark genug, um ihn zu stürzen. Die Religion war zwar ein Faktor im Machtkampf - aber entscheidend war sie nicht.

Bei Kaschmir liegen die Dinge anders. Pakistan geht es nicht nur um die Unterstützung der Glaubensbrüder jenseits der Grenze. Kaschmir ist integraler Teil pakistanischer Staatsraison. Es gibt daher kaum Spielraum für Kompromisse. Darum ist der Konflikt so brandgefährlich.