Wie lieben wir sie doch, unsere Klischees. Argentinien, das Land des Tangos und der Gauchos, so war es jetzt überall zu lesen und zu hören, versinkt in Korruption und Chaos. Die Fernsehsender zeigten prügelnde Polizisten und randalierende Plünderer - und schienen doch nur zu dokumentieren, was spöttische Kommentatoren schon immer wussten: Aus dem Südamerika der Diktatoren und Demagogen kann einfach nichts Rechtes werden.

Wenn es nur so einfach wäre. Zwar tragen Argentiniens Politiker ein gerütteltes Maß Schuld an der Krise. Das Land in den wirtschaftlichen Untergang zu manövrieren, die Proteste niederzuknüppeln, den Präsidenten per Hubschrauber auszufliegen und dann mit großem Pomp eine Übergangsregierung zu installieren, die kurzerhand die Zahlungsunfähigkeit erklärt - das zeugt nicht gerade von hohem Verantwortungsbewusstsein. Allerdings: Argentiniens Demokratie scheint so weit gefestigt zu sein, dass heute niemand mehr nach den Militärs ruft. Zudem weist das Chaos nicht nur auf die vielen eigenen Fehler hin, sondern auch auf ein anderes großes Problem: Argentinien ist das jüngste Opfer einer falsch betriebenen Globalisierung.

Schämen für das wirtschaftliche und politische Desaster muss sich die Elite des Landes - aber ebenso die internationale Ökonomenzunft. Argentinien, das Land im Cono Sur, war im vergangenen Jahrzehnt das Lieblingskind des Internationalen Währungsfonds. Es befolgte, was im Grundsatz auch nicht falsch ist, die Regeln der orthodoxen Ökonomie streng, ja strenger als viele andere Entwicklungsländer. Die Privatisierung des Staatsvermögens, die Liberalisierung des Handels, der Abbau des Sozialstaates und ein strammes Währungsregime ließen neoliberale Wirtschaftswissenschaftler aus aller Welt jubeln.

Leider übersahen fast alle dabei einen winzigen, aber entscheidenden Schönheitsfehler. Der steckte in der Währungspolitik: Vor einem guten Jahrzehnt hatte die Regierung ihre Währung unter dem Applaus internationaler Beobachter an den Dollar gekettet. Um nach langen Jahren der Inflation das Vertrauen in den Peso wieder herzustellen, wurde per Verfassung garantiert, dass jeder jederzeit sein Geld in Greenbacks umtauschen könne - und zwar zum Kurs von eins zu eins.

Das ging lange gut. Dann aber schwappte die Schockwelle der Asienkrise um den Globus, und die Entwicklungsländer wurden für ausländisches Kapital plötzlich uninteressant. Wer wollte nach dem Desaster in Korea und Thailand noch Geld in Schwellenländern anlegen? Rund um die Welt trieben arme Regionen in die Rezession - in Lateinamerika ist sie bis heute nicht vorüber. Argentinien traf es besonders hart, denn dank der florierenden amerikanischen Wirtschaft stieg der Wert des Dollar - und damit auch der des Peso. Argentinische Produkte wurden auf dem Weltmarkt viel zu teuer, ausländisches Kapital floss immer spärlicher, der Schuldenberg wuchs, die Regierung musste schließlich Steuern erhöhen und die Sozialleistungen noch weiter kürzen.

Dabei hätte es eine Lösung gegeben: Die eigene Währung wieder vom Dollar abkoppeln - und zwar rechtzeitig, so wie es das Nachbarland Brasilien getan hat. Das hätte zwar zu Abwertung und zu ein paar Prozentpunkten Inflation geführt, gleichzeitig aber die Konkurrenzfähigkeit gesichert. Doch dieser gute Rat der internationalen Ökonomenzunft blieb lange aus. Schlimmer noch: Argentiniens neuer Übergangspräsident beherzigt ihn bis heute nicht.

Selbstverständlich hätte sich die korrupte Elite beim Verscherbeln der Staatsbetriebe nicht so gut bedienen dürfen. Selbstverständlich hätte sie es vermeiden müssen, mit ihrer erratischen Wirtschaftspolitik ausgerechnet den Mittelstand in den Ruin zu treiben. Aber wer will es ihnen verdenken, dass sie das populärste Symbol für eine solide Wirtschaftspolitik, die Peso-Dollar-Bindung, nicht preisgeben wollen? Wer will jetzt den ersten Stein werfen?