Die Gedanken des niederländischen Geschäftsmanns John Balvers waren bei seiner schwangeren Frau. Der 35-Jährige war mit dem Sportwagen auf der Autobahn unterwegs. Am nächsten Morgen hatte er einen Termin in Frankreich.

Weit konnte es nicht mehr sein bis zu seiner Unterkunft. Doch dazu kam es nicht. Auf Höhe von Freiburg gab es einen dumpfen Schlag. Glas splitterte.

Balvers erinnert sich: "Mein Gesicht und das Hemd waren voller Blut." Der Holländer konnte gerade noch eine nahe gelegene Tankstelle ansteuern. Wenige Minuten später lag er auf dem OP-Tisch der Freiburger Uni-Klinik für Zahn- und Kieferheilkunde.

Durch einen absurden Zufall wurde Balvers verletzt. Ein vor ihm fahrendes Baufahrzeug hatte eine Spitzhacke verloren. Das Arbeitsgerät wurde von Balvers mit 140 Stundenkilometern dahinrasendem Porsche hochgeschleudert und durchschlug mit dem Metall voran die Windschutzscheibe in Kopfhöhe des Fahrers. Der junge Niederländer hatte Glück im Unglück. Die Spitzhacke traf ihn zwar mit der Breitseite mitten im Gesicht und zertrümmerte zahlreiche Knochen. Wäre es die Längsseite gewesen, hätte er den Unfall jedoch wahrscheinlich nicht überlebt.

Professor Rainer Schmelzeisen hatte dennoch eine Menge Arbeit vor sich. Der Chirurg stand sieben Stunden am Operationstisch, verarbeitete 15 Titanplatten und mehr als 70 Schrauben. Was der Patient zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte: Trotz seiner schweren Verletzungen würde er keine Narbe im Gesicht zurückbehalten. Nicht High-Tech-Medizin, sondern ärztliches Geschick und eine besondere Schnittführung haben dazu geführt, dass ihm Verunstaltungen erspart blieben. "Wir haben uns Erfahrungen aus der Schönheitschirurgie zunutze gemacht. Das Ziel sind unsichtbare Narben", sagt Schmelzeisen.

Chirurgen führen dazu die Einschnitte nicht mitten im Gesicht, sondern am behaarten Teil des Kopfes oder im Bereich der Ohren durch. Dort werden Narben kaum wahrgenommen, und weil sich die Gesichtshaut leicht verschieben lässt, haben Ärzte auch kein Problem damit, von dort zu den malträtierten Knochen zu gelangen. Die "versteckte Schnittführung" ist vom Facelifting und anderen kosmetischen Eingriffen her bekannt. Nach Lidstraffung oder Faltenbehandlung sollen schließlich auch keine Spuren zurückbleiben. Der Fortschritt in dieser oft belächelten Disziplin erspart den Patienten oft auch nach Unfällen Entstellungen - ein Umstand, der für die Alltagsbewältigung nach der Verletzung mindestens ebenso wichtig ist wie die primäre Versorgung von Knochen und Wunden.

Bei einem Patienten wie John Balvers etwa schneidet der Chirurg quer über den Kopf von Ohr zu Ohr. Dann wird die Haut wie ein Skalp nach vorn und über das Gesicht gezogen. Die lädierten Knochen liegen frei und können mit Platten und Schrauben fixiert werden. Nachdem die Gesichtsknochen stabilisiert sind, wird die Haut nach oben gezogen und auf Scheitelhöhe wieder zusammengenäht. Nur beim Kämmen wird der Patient für einige Tage Schwierigkeiten haben: Die Naht stört.