Herr Markl mag sich Verdienste um die Vergangenheitsbewältigung der MPG (Max-Planck-Gesellschaft) beziehungsweise ihrer Vorgängerin, der KWG (Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) erworben haben. Es gehört aber schon eine gewisse Chuzpe dazu, die MPG zu einer Vorreiterin auf diesem Gebiete zu stilisieren.

Der von Herrn Markl ausdrücklich erwähnte Herr von Verschuer verdankte seine Weiterbeschäftigung nicht zuletzt einem Gutachten ("Persilschein"), das ihm 1948 von einer Gruppe überwiegend der MPG angehöriger Wissenschaftler unter Federführung des späteren MPG-Präsidenten Butenandt ausgestellt wurde.

Historiker und andere Wissenschaftler außerhalb der MPG haben sich aber durchaus schon lange vor der Bildung der "Präsidentenkommission" mit der Geschichte der KWG und ihrer Mitarbeiter im Nationalsozialismus beschäftigt.

Ich nenne nur stellvertretend für viele die Namen Benno Müller-Hill, Kristie Macrakis, Ute Deichmann, Paul Weindling. Leider stand diesen Wissenschaftlern kein Etat von fünf Millionen Mark zur Verfügung, und die MPG hat sich bei diesen Unternehmungen als wenig kooperativ, wenn nicht gar als obstruktiv erwiesen. So wurden nach der Veröffentlichung von Müller-Hills Buch Tödliche Wissenschaft (1984!) ganze Bestände im Archiv der MPG für die öffentliche Forschung gesperrt, wie der Unterzeichner selber erfahren musste.

Markls Versuch jedoch, das lange Schweigen der MPG zu ihrer NS-Vergangenheit mit der Behauptung zu rechtfertigen, dass andere Gruppen wie Ärzte und Juristen und, was ihn besonders verwundere, die Historiker ja ebenfalls geschwiegen hätten, ist nicht nur kläglich, sondern schlicht falsch.

Forschungen zur NS-Geschichte der Medizin etwa sind seit 20 Jahren fest an den medizinhistorischen Instituten etabliert und haben zu einer großen Zahl von Publikationen geführt. Auf dem Ärztetag 1989 in Berlin hat der damalige Direktor des Instituts für Theorie und Geschichte der Medizin der Universität Münster, Richard Toellner, öffentlich die Mitschuld der Ärzteschaft an den NS-Verbrechen bekannt.

Der Unterzeichner, Mitglied dieses Instituts, immerhin eines Institutes, das laut Markl es nicht für nötig befunden habe, sich mit den Umständen der Berufung von Verschuers in Münster zu beschäftigen, hat sich seit 20 Jahren in einer Fülle von Publikationen, Vorträgen und Fernsehinterviews mit der NS-Medizin und speziell der Rolle von Verschuers auseinander gesetzt. 1995 legte er eine Habilitationsschrift vor, die sich ausführlich mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, se iner NS-Geschichte und der Nachkriegsgeschichte seiner Mitarbeiter befasste. Dort wurden detailliert die Umstände der Berufung von Verschuers in Münster beschrieben. Die Tatsache, dass diese Arbeit unter anderem auch die Frucht eines von der MPG zeitweilig geförderten Quellenerschließungsprojektes war, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie und lässt die Behauptungen Markls doch in einem eigenartigen Licht erscheinen.