Der Märtyrerpfahl

Alles ist fremd. Die Decke über dem Kopf, die vielen Menschen auf Augenhöhe. "Das erste Mal in den Supermarkt", sagt Cordula Straub, "hatte ich richtig Platzangst." Wilko Jäschke gewöhnte sich an das Rückenleiden, "der Schmerz kommt, der Schmerz geht". Roland Maier hat die erste Nacht im Liegen nicht schlafen können, erst als er sich auf die Seite drehte, die Beine im 90-Grad-Winkel an den Körper gezogen, die Knie angewinkelt. Pfahlhaltung.

"184 Tage auf einem Holzpfahl, das geht nicht spurlos vorüber", sagt er. Nach einem halben Jahr in der anderen Welt, die jetzt verschwunden ist, abgebaut mit den paar Holzpflöcken, auf denen sie lag, sind die wichtigsten Regeln noch im Gedächtnis: Dein Platz ist 2,50 Meter hoch, oben hast du 40 mal 60 Zentimeter zum Sitzen, und niemals darfst du aufstehen, tags nicht, nachts nicht. So lautet das Regelwerk der "Fünften Weltmeisterschaft im Pfahlsitzen" im Heidepark Soltau. Die wichtigste Regel aber ist: Du darfst die anderen nicht gewinnen lassen!

Anfangs waren es neun Teilnehmer, die am 15. Mai nach der Eröffnungsrede auf ihre Pfähle kletterten, Sonnenschirm darüber, Plastikplane gegen den Wind an der Seite, rundum Haken für Kleider, Decke, Kissen, Bücher, Radio, Gameboy, Lampe. Und dann: Sitzen. Sechs von den neun waren nach vier Tagen nicht mehr im Wettbewerb. Sie waren im Schlaf vom Pfahl gefallen oder disqualifiziert, weil sie zu spät aus der Toiletten- und Waschpause zurückkehrten, man durfte ja nur alle zwei Stunden genau zehn Minuten.

"Wie haltet ihr das ohne Sex aus?"

Übrig blieben Straub, Jäschke und Maier, die Zähen. Drei, die Helden werden wollten, Helden auf Pfählen. "Ich wollte das schaffen, etwas, was die meisten eben nicht können", sagt Wilko Jäschke. Roland Maier, Schwabe aus Cleebronn, wollte den Titel des "Weltmeisters" tragen, es den Norddeutschen zeigen, vor allem der Cordula aus Hannover, die er im Vorjahr schon nicht besonders mochte: "Von Anfang an hatte sie Heimvorteil, alle haben die unterstützt. Und ich hab mein Essen immer zuletzt gekriegt." Wenn Reporter kamen und zu ihm hinaufblickten, blühte er auf, der Eigenbrötler, sprach vom Kampf der Regionen, Nord gegen Süd, bis Cordula Straub mit verzerrtem Gesicht herüberschrie, das sei doch Quatsch.

"Am Anfang, so im Mai, Juni, haben sie sich noch Geschichten aus ihrem Leben erzählt", sagt der Pressesprecher des Parks. "Wie haltet ihr das ohne Sex aus?", wurden sie von Besuchern gefragt. - "Gut", sagte Cordula Straub, und dass ihr Freund tatsächlich treu gewesen sei, versicherte er ihr abends am Telefon, einem, wie es an jedem Pfahl hing. Träumte Wilko Jäschke mal von Liebe, wachte er schnell auf und dachte: "Mensch, beruhig dich!" Fragte seine Freundin, wann er nach Hause komme, sagte er: "Noch nicht, Mädel."

Wie der große Streit angefangen hat, weiß jetzt, nachher, keiner mehr genau.

Der Märtyrerpfahl

Der Schwabe war's, immer der, sagen die einen, die Frau sei aber auch ziemlich biestig gewesen, sagen die anderen.

Roland Maier, so viel steht fest, war es, der bei der Wettkampfleitung durchsetzte, dass nachts ab 23 Uhr Pfahlruhe herrschen musste und die beiden anderen ihre Musik nicht mehr hören durften. Und Maier war es auch, der eines Abends "private, ganz private Dinge" über Cordula Straub übers Telefon weitergab. Wütend wurde die daraufhin, sie ist es immer noch, und Maier schrie zurück, durch den stillen Park, wer ihr eigentlich das Recht gebe, seine Telefonate mitzuhören.

Maier war es auch, der die Sache mit den Haaren ins Spiel brachte. Mitte Juli muss es gewesen sein, draußen schaute die Welt nach Genua, zum Weltwirtschaftsgipfel, da saß Maier auf seinem Pfahl und sagte diesen einen Satz, genauer, er fragte: "Darf ich in der nächsten Pause mal dein holdes Haar berühren?" Und blickte dabei zu der Frau, die auf ihrem Pflock die blonden Strähnen kämmte. Er starrte hinüber und wartete auf eine Antwort.

Cordula Straub fühlte sich beleidigt, entehrt geradezu. "Unter der Gürtellinie ist das", dachte sie und rief ihren Freund an. Der heißt Eberhard und saß selbst mal auf einem Pfahl in Soltau, ein Jahr zuvor, da haben sie sich kennen gelernt. Eberhard wollte sofort kommen, dem Schwaben "eine reinhauen". Er ließ es, weil der Heidepark mit Parkverbot drohte. Maier, harmlos, sagt: "Ich wollte nur ein Kompliment machen." Was also stimmt?

Wilko Jäschke, Pfahl in der Mitte, sagt salomonisch: "So einen Satz, das kann man so oder so verstehen." Aber "so oder so", zu beschwichtigen gab es nichts mehr, der Psychokrieg begann. "Die Blöße wollte ich mir nicht mehr geben, dass ich vor dem absteige", sagt Cordula Straub. Maier konterte: "Ich sitze hier ewig, wenn's sein muss." Und dann redeten sie nicht mehr miteinander, fast vier Monate lang, kein Wort, zumindest kein nettes.

Hochsommer, 44 Grad, Hundstage, die Füße schwollen an, unten am Pfahl schleckten Kinder Eis. Aber das war egal, so wie es egal war, dass irgendwo in Italien der Ätna wieder ausbrach. Wichtig nur: Durchhalten! Gewinnen! Die Männer duschten seltener, denn jede Pause, die man nicht zum Abstieg nutzte, wurde gutgeschrieben - kostbare Minuten. Dann aber das verletzende Wort: "Stinkmumie." Hat Cordula Straub es gesagt? Keiner kann es mit Gewissheit behaupten, es heißt, sie habe der Wettkampfleitung verraten, dass der eine, auch der andere, bisweilen heimlich in einen Eimer pinkelte, um nicht in die Pause zu müssen. "Diskriminierung von Frauen" sei das, meinte sie, die Wettkampfleitung gab ihr Recht und erteilte Eimerverbot. Die Welt war rau geworden auf den Pfählen.

"Ich kann ihn locker aussitzen"

Der Märtyrerpfahl

Und so kam es: Maier saß mit dem Rücken zu den andern, als Jäschke und Straub nach einer Weile fragten, ob man nicht gemeinsam runtersteigen wolle, solidarisch, da antwortete Maier: "Nein." Er wolle das Geld für sich alleine, nicht teilen, glaubten die anderen. Das Geld: 35 000 Mark, für den, der den Rekord brach. Also blieb jeder an seinem Platz, weitere 50, 70, 100 Tage, und Jäschke sagte noch oft zu seiner Freundin: "Noch nicht, Mädel."

Am 120. Sitztag explodierten auf dem Nebenpfahl Wolkenkratzer, der kleine Fernseher zeigte Bilder der brennenden Twin Towers in New York, aber deshalb aufgeben? "Wenn Deutschland einbezogen worden wäre, wär ich vielleicht abgestiegen", sagt Cordula Straub. Soltau war näher als Amerika.

Warum es dann doch vorbei war in Soltau? Weil der Jäschke mürbe wurde, sagen die einen, das war nach der ersten Frostnacht, im November, minus zehn Grad auf dem Pfahl. Vielleicht auch, weil der Park da schon längst geschlossen war, Winterpause, und die letzte Ablenkung, der Besucherstrom, verschwunden war. "Ich ging, weil ein Onkel von mir im Krankenhaus lag, da musste ich hin", sagt Jäschke. Also stieg er ab, nach 178 Tagen, und ließ die anderen zurück. Das war das Ende auch für sie, sagen die einen, keine Motivation mehr. "Nein, das war, weil der Schwabe gemerkt hat, dass ich ihn locker aussitzen kann, mein Schlafsack war nämlich viel wärmer", sagt die Frau. -

"Das war, weil die vom Park gesagt haben, dass der Wetterbericht noch mehr Kälte meldet, noch viel mehr", sagt der Schwabe. - "Absteigen, zusammen?", fragte Straub jedenfalls zum zweiten Mal, und Maier zierte sich ein paar Tage und ein paar kalte Nächte lang, dann sagte er: "Na gut." Genug Stunden hatte er gespart, genug Pausen ausgelassen für den Titel, für Schwaben.

Dann sind sie abgestiegen, am 15. November. Und dann haben sie es im Fernsehen gezeigt, und viele Reporter waren da und die Leute vom Park. Und da, wenn man genau hingesehen hat, konnte man es sehen: wie Maier, der Schwabe, ein paar Sekunden gezögert hat, ein paar Sekunden bloß, damit er als Letzter den Fuß auf den Boden setzt, als Letzter die Pfahlwelt verlässt. Das sagt doch alles, sagen die einen. Aber da war es auch schon egal.