Für seine Mutter stand er immer an erster Stelle, nicht sein Vater, der nur der Ernährer war und immer Nebenfigur blieb. Die Hauptfigur war er, der allein ihrem Leben Sinn gab, indem sie für ihn hinzuverdiente, ihn umsorgte, für ihn plante. Und er war glücklich dabei und fühlte sich geborgen.

Doch von Zeit zu Zeit litt die Mutter an Depressionen. Dann fand er, zurück von der Schule, nur einen Zettel auf dem Küchentisch: Ich kann nicht mehr!

Sucht mich nicht! Leb wohl mein lieber Junge! Er rannte dann los, die Mutter zu suchen, und noch nach einem halben Jahrhundert durchlebte er jene Albträume immer wieder aufs Neue:

Da raste ich von wilder Angst gehetzt und gepeitscht, laut weinend und fast blind vor Tränen durch die Straßen, elbwärts und den steinernen Brücken entgegen. Die Schläfen hämmerten. Der Kopf dröhnte. Das Herz raste ... Ich taumelte vor Atemlosigkeit, schwitzte und fror, fiel hin, rappelte mich hoch, merkte nicht, daß ich blutete, und jagte weiter ... War es noch Zeit, oder war es zu spät? > Mutti, Mutti, Mutti!< stammelte ich in einem fort und rannte um ihr Leben ... mir fiel nichts anderes ein. Es war bei diesem Wettlauf mit dem Tod mein endloses Gebet.

Wenn er sie fand, meist bei den Brücken am Fluss, starrte sie wie versteinert vor sich hin. Er musste sie rütteln, anschreien, umarmen, bis sie ihm folgen konnte. Manchmal fand er sie nicht und kam ohne sie nach Hause, wo die Furcht, die Mutter sei tot, übergroß wurde. In Gedanken starb sie ihm immer wieder. Dass sie sich nicht umbrachte, hat er ihr mit Gehorsam und Liebe vergolten, bis an ihr Ende, als er fast 52 und längst berühmt war, ja eigentlich noch darüber hinaus. Doch dass die Mutter in seinem Leben die einzige Frau gewesen sei, wie oft behauptet wird, trifft nicht zu.

Zwar heiratete er nicht (vielleicht weil die Ehe der Eltern nicht glücklich war), aber Freund- und Liebschaften mit jungen Mädchen und Frauen hatte er seit seiner Studentenzeit immer, fast immer. Ruhepausen fand er manchmal ganz gut, wie er der Mutter gestand:

Heute hab ich wieder von 12 h nachts bis 12 h mittags geschlafen! Ist doch toll, was? Aber es bekommt mir. Und mal ohne Frauen, ist auch ein paar Wochen ganz schön. Länger allerdings nicht.