Unlängst hörte ich Marlene Dietrich das Hobellied von Ferdinand Raimund singen: "Da streiten sich die Leut' herum / wohl um den Wert des Glück's / Der eine heißt den andern dumm / Am End' weiß keiner nix. / Da ist der allerärmste Mann / dem andern viel zu reich / Das Schicksal setzt den Hobel an / Und hobelt alle gleich." Marlene Dietrich, die amerikanische Songs manchmal nicht viel anders und doch gebrochener sang als Dean Martin oder andere Hollywoodstars, betont bei Raimund besonders das "viel zu reich", verschleift angelsächsisch leicht den "Hobel" und schafft dessen Bewegung in der Stimmführung nach. Das Timbre ihrer Stimme lässt keine Anbiederung an Unglück oder Glück zu.

Auf welchen Zustand beläuft sich der "Wert des Glück's"? Der Wert eines Zwischenzustands ("Das Glück is a Vogerl", wie Wiener in Schadenfreude beim Unglück anderer gern sagen), ein Zwischenzustand, hingeworfen und weggerissen. Wie viel ein Glück wert ist, muss jeder selbst herausfinden, und die wenigsten haben überhaupt die Möglichkeit dazu: Gerecht ist gar nichts.

Marlene Dietrich hat diesen Wert gewogen und für zu leicht befunden. In ihren Memoiren schreibt sie: "Über mein Leben zu sprechen, interessiert mich nicht.

Der Glanz des Ruhms hat mich immer gleichgültig gelassen, ich fand ihn lästig, lähmend und gefährlich. Ich habe es nicht darauf angelegt, ich habe ihn verabscheut. Die Bewunderung von Unbekannten läßt mich kalt."

Und doch sah ich vor einigen Jahren in Bonn eine Ausstellung: Ihre Kleider, very glamourous, ihre mindestens 37 Paar Schuhe - nur Thomas Bernhard hatte wohl noch mehr, aber in irgendeinem Bereich musste er sie ja übertreffen - die vielen riesigen Schiffskoffer, die doch irgendjemand, und wohl nicht sie, schleppen musste - kein Bedürfnis nach Ruhm?

Kleine Unschuld, kleines Laster

Marlene Dietrich, geboren am 27. Dezember 1901 als Tochter eines Berliner Polizeioffiziers und einer Juwelierstochter, die ihr die Liebe zur Arbeit beibrachte. Aber schon davor brachte man ihr bei, trotz eisiger Kälte auszugehen und trotz brennendem Durst kein Glas Wasser zu verlangen. Vor den kalten Bädern gab es Turnübungen auf dem vereisten Spielplatz. Rasch lernte sie Geige, aber fast ebenso früh ritt sie durch den Berliner Tiergarten - mit einem Angehörigen der Armee, der ihr Pferd am Zügel hielt. In der Auguste-Viktoria-Mädchenschule war sie die Schüchternste, nervös, unsicher und fühlte sich einsam. Noch in Morocco (1931) wird Joseph von Sternberg mit ihrer frühen Schüchternheit arbeiten. Mit 17 hatte sie, schreibt ihr Biograf Donald Spoto, ihre endgültige Größe erreicht: 1,62 m. Wie ihre Mutter neigte sie zur Korpulenz. Berlin war in ihrer Jugend kein Boden, um heranzuwachsen: Eine Grippeepidemie raffte 1918 an einem einzigen Tag 1700 Menschen dahin, zwischen 1920 und 1923 gab es über 500 Attentate. "Maria Magdalena von Losch" hatte sie sich bei einem kurzen Aufenthalt in Weimar genannt. 1921 ging sie wieder nach Berlin. Sie war 20 und immer noch ungraziös - "alles andere als eine Sexbombe" (Géza von Cziffra, Schriftsteller und Produzent). Und ihre Mutter bestand immer noch auf einer Karriere als Konzertgeigerin, vor der sie ein gebrochener Ringfinger bewahrte: Ihre Mutter Wilhelmine resignierte und blieb kühl. Sie wurde erst wieder nervös, als sie herausfand, dass Marlene in Kaufhäusern für Schmuck und Schallplatten warb oder für Schuhe und Strümpfe posierte.