Das Szenario der Verbrechen vom 11. September 2001 im World Trade Center in New York und im Pentagon in Washington hat viele Menschen so fassungslos gemacht, weil es keinem vernünftigen, sondern einem apokalyptischen Drehbuch folgte. Sehen wir noch einmal hin: dort das World Trade Center, Symbol des globalisierten Fortschritts der modernen Welt, dort das Pentagon, Symbol der Supermacht Amerika - hier in den gekaperten Flugzeugen die anonymen Massenmörder, Vollstrecker, wie sie glauben, des Gerichts einer überirdischen Macht.

Rationale Ziele und Zwecke der Attentate sind nicht erkennbar, Stimmen von bin Laden und Mullah Omar sprechen von Vergeltung für erlittene Kränkungen des Islam, von der Rache Gottes an Ungläubigen und der Zerstörung Amerikas.

Sind hier religiöse Energien zu kriminellen geworden? Haben wir die religiösen Energien wieder unterschätzt wie schon einmal, als der Fundamentalist Khomeini gegen den Modernisierer Schah Reza Pahlewi im Iran antrat? Das Drehbuch für das Schreckensdrama vom 11. September geht über die Vorstellungen moderner Vernunft hinaus und ist doch in sich logisch und folgerichtig. Die Attentäter waren nicht Kalaschnikows schwingende Analphabeten, sondern gebildete, gut trainierte junge Männer. Sie kamen aus angesehenen Familien, nicht aus den Slums der Dritten Welt. Die Dramaturgie ihrer Handlungen war zweifellos religiös, aber diese Charakterisierung genügt nicht, innerhalb des Religiösen war sie offensichtlich eschatologisch vom Pathos des Endes beherrscht. Wir nennen das heute "apokalyptisch", obgleich es wenig mit den alten apokalyptischen Traditionen zu tun hat.

Aber auch das World Trade Center und das Pentagon sind nicht nur zweckdienliche Stätten modernen Handels und militärischer Planung. Sie haben auch Symbolwert. Sehen wir genauer hin, dann finden wir hier ein anderes religiöses Muster, nicht das apokalyptische vom "Ende der Welt", sondern das millennaristische von der "Vollendung der Weltgeschichte" durch Globalisierung wirtschaftlicher und militärischer Macht. Auch dieses Denkmuster ist vom Pathos des Endes beherrscht und lässt keine Alternativen zu. Was am 11. September 2001 in New York und Washington geschah, war der Zusammenstoß einander widersprechender Weltendvorstellungen: einer triumphalen Weltvollendungsidee hier - und einer apokalyptischen Weltbeendigungsidee dort. Es war der Anschlag der terroristischen Beendigung der Welt auf die globale Vollendung der Weltgeschichte.

Vorstellungen von einem "Ende der Geschichte" richten sich entweder auf das Ziel oder das Ende der Geschichte. Hat die Weltgeschichte ein vorbestimmtes Ziel, dann ist dieses ihre Vollendung, und die Geschichte schreitet stufenweise voran. Nach biblischen Traditionen ist es das Reich des Menschensohns und das "Tausendjährige Reich" Christi

nach antiker Vorstellung ist es das "Goldene Zeitalter", das nach Virgil das "eiserne Zeitalter" der Gegenwart ablösen soll

nach modernen Hoffnungen ist es das "Reich des ewigen Friedens" (Kant) und das "Reich der Freiheit" (Hegel). Für Francis Fukuyama, seinerzeit im State Department in Washington, begann 1989 nach dem Zerfall des Sozialismus und dem Sieg des "Kapitalismus und der liberalen Demokratie" das "Ende der Geschichte". Wir nennen diese Vollendungsvorstellungen chiliastisch oder millennaristisch und, sofern sie die Gegenwart bestimmen, messianisch.