Nicht zu finden, dieser Name, dieser Autor, in keinem unserer üblichen Lexika

ein Unbekannter hierzulande: Charles Reznikoff, geboren 1894 in Brooklyn als Kind jüdischer Einwanderer aus Russland, gestorben 1976 in New York. Der hingegen alles andere als unbekannte New Yorker Schriftsteller Paul Auster, Jahrgang 1947, dessen Bücher auch bei uns Bestseller sind und der Reznikoff noch persönlich gekannt und besucht hat in dessen sonnendurchfluteter Wohnung im 22. Stock ("mit breitem, unverdorbenem Blick auf den Hudson"), stellt uns jetzt diesen ungewöhnlichen Dichter in einem blauen Bändchen vor: Paul Auster entdeckt Charles Reznikoff.

Und er ist in der Tat eine Entdeckung für uns!, wenn er es zurzeit auch schwer haben wird neben der akuten Dröhn-Produktion unserer lyrischen Versaces und Liberaces. Denn Reznikoffs Gedichte sprechen leise. Erinnern an andere Minimalisten der amerikanischen Literatur, an Emily Dickinson, die Imagisten, William Carlos Williams. Rau abgeschliffene, fein flimmernde Gedichtkiesel sind das, wie am Wegrand aufgesammelt - wenn es denn in den Straßen New Yorks solche Kiesel zu finden gäbe.

"Fetzen Papier, / der über die Straße geweht wird, / du würdest, nehme ich an, gern wie / ein Geldschein / geschätzt werden", schreibt er in den 1959 veröffentlichten Inscriptions. Aber diese Zeilen hätten genauso gut schon 1934 in dem Band Jerusalem the Golden stehen können: "Ich spaziere durch die U-Bahn-Station / in einem Hain stählerner Säulen

/ wie ihre Knorren, die Nietenköpfe - / anders als die einer Eiche - / gleichmäßig verteilt sind

/ wie unfruchtbar der Boden ist / außer hier und da auf dem Bahnsteig / ein flacher schwarzer Pilz, / der einmal Kaugummi war." Sein Leben lang hat er solche Kiesel gesammelt. Momente, kurze Szenen. Kleine Ansprachen an die Dinge. Schalen auf dem Grund des Häusermeers. Auster vergleicht Reznikoffs Arbeit mit der des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson. Mehr noch denkt man allerdings an einen anderen großen Fotokünstler - an André Kertész, an eines seiner späten Alben, an Vögel zum Beispiel (1979), an scheinbar flüchtige Schwarzweißfotos, die schemenhaft das Empire State Building oder das World Trade Center erkennen lassen und davor, irgendwo am Rand, die verwischte Silhouette einer auffliegenden Taube, einer Möwe: "Aus dem Nebel fliegt langsam / eine Möwe / und ist im Nebel verschwunden. Die / Gebäude sind nur Wolken."

Reznikoff hatte sich als Journalist versucht, Jura studiert, ist ein bisschen Anwalt gewesen. War dann als Handlungsreisender unterwegs und schließlich, seit der großen Depression, Redakteur eines juristischen Lexikons. Eine Zeit lang versuchte er wohl auch in Kalifornien sein Glück, in Hollywood - das etwas fahrig gemachte Büchlein gibt leider keine präzise Auskunft -, doch dann ist er wieder in New York, seiner Stadt. Die meisten seiner Bücher veröffentlichte er im Selbstverlag, Lyrik, auch Prosa, Historisches, einen mehrteiligen Gedicht-Zyklus, der auf Gerichtsprotokollen beruht, und Annäherungen an das jüdische Erbe: "Wie schwierig Hebräisch für mich ist: / selbst das hebräische Wort für Mutter, für / Brot, für Sonne / ist fremd. Wie weit wurde ich verbannt, / Zion."