Es regt einen ja nix mehr auf, sagte der Dichter zu seinem Frisör - während der ihm vorsichtig, nicht zu heiß, nicht zu kalt, das Hirnkastl shampoonierte, rabiates Kopfwaschen war längst aus der Mode -, da wäre es doch schön, wenn einen mal etwas aufregte! Sprach's, und rums! flog ein Flugzeug in den Wolkenkratzer, rums!, noch eins, dass der Dichter fast vom Stuhl fiel vor Schreck, aber ein klitzekleines bisschen auch vor Freude. Karl Tubutsch hätte das nachfühlen können, damals 1911, als mancher Dichter in seinem Hang zum Funebren den Ausbruch des großen Schrecklichen herbeisehnte, Bombe drauf auf die dekadente Gesellschaft! "Will denn niemand bei mir einbrechen?", klagte Tubutsch, Held des gleichnamigen Buches von Albert Ehrenstein, wenn er nachts aufschreckte wegen nichts und wieder nichts, dabei sehnte er sich so nach einem Mörder, aber nicht einmal Zahnschmerzen wollten ihn befallen.

Von solchen Wünschen wurde man in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges gründlich geheilt, weshalb heute weder Dichter noch Redakteur zu denken wagen, was Georg Heym im September 1911 seinem Tagebuch anvertraute: "Mein Gott - ich ersticke noch an meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit. Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg." Wir wollen niemandem, nicht einmal uns selbst, Erleichterung unterstellen, dass die "banale Zeit" ein Ende hat. Aber ein merkwürdiges Krisenbewusstsein drückt sich seither in manchem Artikel und in hurtig zusammengeklebter Literatur aus, wenn vom Unfassbaren die Rede ist. Es explodiert ein Hochhaus, und der Zuschauer beweint sich, dass er es nicht fassen kann. Das Apokalypserl angesichts der Apokalypse: Wenn die Welt Kopf steht, bekommt der Intellektuelle Migräne.

"ja, da unten sehe ich mich stehen, wie ich für einen augenblick nicht mehr in meinem wirklichen leben vorhanden bin", schreibt Kathrin Röggla in ihrem eben erschienenen Büchlein namens really ground zero. 11. september und folgendes. Am Ende führt sie ein Interview mit sich selbst, nicht ohne ironische Einleitung, versteht sich, denn Ironie ist fast so verdienstvoll wie Mitleid, sei diese Rührung auch bloß ein Reflex: Man verlegt das Leiden des anderen in sich selbst, und wofür man leidet, ist das eigene Ich. Ground Zero klingt nach Stunde Null und meinte 1945 nicht nur den Bruch mit dem Nationalsozialismus, sondern auch die Weigerung, sich mit dem auseinander zu setzen, was vorher geschah. Derlei Wirklichkeitsflucht genießt bis heute gesellschaftliche Anerkennung, zumal wo politische Dichter als nützliche Idioten gelten. Wir prosten deshalb den Dichtern und Denkern "nach dem 11.

September" zu, auf dass sie durch konsequente Kleinschreibung ihre Solidarität mit Amerika bekunden und "im Erzählen den Schrecken bannen", wie unlängst einer formulierte. Da soll uns doch, gerade zum Jahreswechsel, alles Leid dieser Welt Anlass genug bieten, rückblickend beim Frisör vom Stuhl zu fallen und uns vorausschauend auch im neuen Jahr mit uns selbst zu beschäftigen. Wenn schon keine Literatur als Utopie, dann wenigstens als Therapie.