Putin ist dem US-Krieg gegen die Islamisten ohne großes Wenn und Aber beigetreten. Er lässt den russischen Lauschposten Lurdes auf Kuba schließen und zieht seine Marine aus dem Stützpunkt Kamran in Vietnam zurück. Die einseitige Kündigung des ABM-Vertrages durch die Amerikaner schluckt er lächelnd herunter. Noch vor Monaten hatte er das Ende aller Abrüstungsverträge angedroht, nun erklärt er sich flugs zu weiteren Verhandlungen bereit. Putin spielt seit September nicht mehr die bevorzugte Schachpartie der russischen Elite: Verlieren wir einen Bauern, müsst auch ihr einen abgeben. Der 49-Jährige hat sein Land aus dem Schmollwinkel der Weltpolitik herausgeführt. Statt sich - wie ein Moskauer Politguru - darüber zu erregen, wieder einmal nicht gefragt worden zu sein, bietet sich Putin von allein an. Mit dem Charme äußerlicher Bescheidenheit und bester Kenntnis der Dinge. Der russische Präsident rechnet nicht mehr auf und steht doch glänzend da: als der außenpolitische Gewinner des Jahres 2001.

Warum zeitigt die in mancher Hinsicht durchaus vergleichbare Politik von Gorbatschow und Putin bisher so unterschiedliche Ergebnisse? Geht Putin geschickter zu Werke? Was machen die traditionellen Stahlbeißer daheim?

Ein Unterschied fällt sofort auf. Im Gegensatz zu Gorbatschow, der sich auf den Westen zubewegte, ist in den vergangenen Monaten die Welt Russland und seinem Präsidenten näher gerückt. Die großen Themen seit dem 11. September sind Putinismus pur: der Kampf gegen den Terror, die Bedrohung durch islamistische Bewegungen, die Stählung von Staat und Gesellschaft durch Polizei, Geheimdienst und Antiterrorgesetze, der Feldzug gegen die Taliban und die Stabilisierung der morschen zentralasiatischen Regime. Putin predigt all das, seitdem er 1999 Bomber und Panzer an den Kaukasus schickte, um Tschetschenien zurückzuerobern. Das neue Denken im Westen scheint auf verblüffende Weise Russlands Warnungen zu beherzigen.

Deshalb muss der russische Präsident nicht mehr gegen belehrende "Onkels" (Boris Jelzin) in Washington poltern, um für das heimische Publikum das abgeschmackte Großmacht-Stück aufzuführen. Heute fällt Moskau eine wichtige Rolle ganz von allein zu. In einer Welt der wechselnden Allianzen findet sich Putin entschieden besser zurecht als in den festgefügten Ost-West-Gräben vor dem 11. September. Diesmal wurde die Nato nicht gefragt, obwohl sie offiziell den Bündnisfall erklärt hatte. Putin hat derweil sein Land instinktsicher und blitzschnell ins Große Spiel zurückgebracht. Über Afghanistans Zukunft entscheidet er an vorderster Stelle mit: Dank Moskaus Einfluss auf die siegreiche Nordallianz und dank Russlands ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, dessen Votum anders als im Kosovo-Krieg wieder zählt.

Russische Ordnungskräfte schlugen ihr Lager bereits in Kabul auf, als die US-Marines noch im Süden und Osten Afghanistans hinter Osama bin Laden herjagten.

Ob in Kabul, am Kaukasus oder am Kaspischen und Schwarzen Meer: Wladimir Putin hat den von Gorbatschow begonnenen langsamen Rückzug aus dem Süden Russlands vorerst aufgehalten. Er redet überall mit und weiß erheblich mehr, als er sagt. Bei einem Besuch in der Ukraine vor wenigen Tagen begrüßte er den Präsidenten des Nachbarlandes und gratulierte ihm zum ukrainischen Rekordwachstum von neun Prozent. Leonid Kutschma dankte überrascht und sagte: "Mir hat man die neuen Zahlen erst heute Morgen vorgelegt." Putin lächelte unschuldig: "Und mir schon gestern Abend."

Was machen die Stahlbeißer?