Wer die Prosa des Lebens in der Literatur noch einmal nachschmecken möchte, geht in diesem außergewöhnlichen Roman leer aus und ist verärgert.

Wer liest, um überrascht, gar erschüttert und nicht um verköstigt zu werden, ist diesem Buch sofort verfallen. Es geht um die einfach komplizierteste Sache der Welt: ihn und sie. Die beiden sind füreinander bestimmt. Er: ein abgedankter Journalist, Eremit, wohnhaft in einem einsamen Haus an der Biegung irgendeines Flusses, in irgendeinem Land, das als Deutschland nicht einwandfrei zu erkennen ist. Sie: eine Fernsehmoderatorin, hat die große Liebe schon hinter sich, stellt jeden Abend in irgendeinem Fernsehstudio irgendwelche Millionenfragen. "Lassen Sie uns über die Dummheit der Menschen reden", schnarrt sein Anrufbeantworter, als sie ihn anruft.

Das erste Mal ruft sie ihn mitten in der Show an. Er ist ihr Kandidat, sieht die Show jeden Abend und weiß alles über Pilze. Die Million gewinnt er ohne Schwierigkeit. Die Frau dazu will er nicht haben.

Alakar und Verna sind sich für die Liebe zu ähnlich. Beide stehen mit den Füßen fest auf dem Boden unserer Medienunwirklichkeit, doch im Kopf haben sie nichts als Gedichte. Er kennt The Waste Land von T. S. Eliot auswendig, sie verkehrt ständig mit Anne Sexton (beide Dichter dichten ständig dazwischen und stören den reibungslosen Romanverlauf). Ihm fehlt ein Bein, ihr eine Zwillingsschwester. Beide haben verblüffendes Spezialwissen auf den Gebieten Astrophysik, Naturkunde und Lyrik. Das macht sie eigenbrötlerisch, wenn nicht solipsistisch. Um sie weht der Wind der angelsächsischen und amerikanischen Lyrik von Robert Frost, John Donne, Sylvia Plath, e. e. cummings und Philip Larkin. Das macht sie und den Roman offen für jeden schrillen Lyrismus.

Man kann dieses hohe poetische Paar und seine Welt für eine überflüssige Konstruktion halten, die nichts der Wirklichkeit und alles einem literarischen Inzest verdankt. Dann geht man jedoch an einigen bis heute ungelösten Millionenfragen des Lebens achtlos vorbei: Kann man lyrisch leben?

Kann die Lyrik das Leben verändern? Gibt es eine poetische Existenz?

Die 42-jährige Susanne Riedel stellt diese Urfragen der Romantik und der klassischen Avantgarde in ihrem zweiten Roman von neuem. Das macht ihr Buch von der ersten Zeile an zu einem Streitfall. In der Lesart des Neorealismus, den wir uns aus Vergesslichkeit gegenüber der Literaturgeschichte angewöhnt haben mit Literatur gleichzusetzen, wird man die poetischen Figuren und Bilder dieser Prosa nachrechnen und zu keiner Deckung kommen. In dieser Lesart kann ein Haus unmöglich wie eine glitzernde grüne Weintraube in der Biegung des Flusses liegen. Man wird die in der Finsternis atmenden Posthornschnecken nicht für eine Improvisation über Eichendorff, sondern für prätentiös halten. Und dass die Heidelerche Lullula arborea heißt und gerne im Rüttelflug über den Eiben steht, wird sicher nicht als Versuch anerkannt, das Poetische im Botanischen zu heben. Leider. Denn das Lesen mit dem Rechenschieber bringt den solcherart Lesenden um den Genuss eines der originellsten Bücher der neueren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.