Eigentlich mag ich Schlussworte. Man kann sich endlich aus der versteiften Beinhaltung befreien, darf sich auf das Buffet freuen. Jetzt zum Jahresende haben sie Saison. Wer das Sentimentale liebt, dem kann geholfen werden. Was aber bitte schön passt für die Silvesternacht? Die Summe eines Jahres in einem Satz, tiefgründig und doch mit Blick nach vorn. Abschied und Resümee.

Wie wäre es mit Reich-Ranickis Brechtscher Formel: Also sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen? Das ist gut eingeführt, vielseitig verwendbar und immer wieder gern gehört.

Mach's gut, Marcel, wir sehen dich ja wieder. Der Großkritiker hat nicht nur sein Ende, auch seine Wiedergeburt im März angekündigt. Bis dahin erholt er sich von seiner letzten präsidialen Sendung und seinem Werther-Solo, allerdings nicht auf dem Zauberberg, sondern eher in der Schwarzwaldklinik.

Im Schloss zur schönen Aussicht klappten die Buchdeckel einstweilen endgültig zu. Es war wie immer, vielleicht ein Hauch bedeutungsvoller. Der Bundespräsident hatte zur fernsehtauglichen Hochkultur geladen, und alle waren gekommen, bis auf Nina Ruge. Dafür schwebte ihr Alles wird gut über dem Schlussakkord der streitlustigen Runde. Friede den Hütten und den Palästen. Grässliches und große Kunst, Abschied und Neubeginn. Da stellt sich die Gretchenfrage: Wie halten wir es mit dem Euro? Der letzte Satz der D-Mark könnte lauten, frei nach Oscar Wilde: Ich starb, wie ich gelebt habe. Über meine Verhältnisse. Neugierde und Trennungsschmerz diktieren die eindrucksvollsten Schlussworte in den Drehbüchern zum Währungswechsel. Dabei könnte alles so einfach sein. In Woody Allens Manhattan heißt es zum Schluss: Du musst einfach ein bisschen an die Menschen glauben.

Schön wär's, aber an wen? Wer wird im neuen Jahr als Erster große letzte Worte sprechen? Die FDP weihrauchgeschwängert und nach allen Seiten offen beim politischen Dreikönigstreffen? Oder wird St. Angela nach Caspar, Melchior und Balthasar pünktlich zu den Kamingesprächen in Wildbad Kreuth trockenes Holz auflegen lassen? Und danach ans Fenster treten und das Ende aller K-Fragen verkünden? Oder wird nach einem heftigen Schneegestoiber winterliche Ruhe einkehren? Wirklich das letzte Wort? Nein, weitere werden auch im neuen Jahr nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht wird ja ein alter Sponti-Spruch in leicht abgewandelter Form als Erster durchs Ziel zu gehen, als erstes letztes Wort 2002. In Sachsen könnte er am (vorläufigen) Ende einer Karriere stehen - und zum geflügelten Wort werden: Legal, illegal, Ikea-Regal.