Zu Recht wurde die Friedenspreisrede, in der Jürgen Habermas, "der Philosoph der Bundesrepublik Deutschland" (so der Laudator Reemtsma), sich mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen auseinander setzte, als Sensation aufgenommen. Es fragt sich im Rückblick allerdings, ob dies auch aus den richtigen Gründen geschah.

Als sensationell und gar "epochal", wie es in vielen Kommentaren zu lesen war, kann ja wohl kaum die Erkenntnis gelten, dass die Religion aus der entzauberten Welt nicht einfach im gleichen Maß verschwindet, wie die Säkularisierung, angetrieben von Wissenschaft, Technik und globalem Kapitalismus, Raum greift. Man hat nicht auf den 11. September warten müssen, um diese fortschrittsoptimistische (zuweilen auch pessimistisch eingefärbte) Illusion zu verlieren. Spätestens seit der Khomeini-Revolution vor 20 Jahren weiß man, dass die Vorstellung von Säkularisierung als einem "Nullsummenspiel" (Habermas) zwischen Aufklärung und Religion ein wenig naiv ist. Dass nun auch Jürgen Habermas sich coram publico von derartigen Vereinfachungen verabschiedet, ist begrüßenswert, aber eigentlich keine aufregende Nachricht.

Pikant ist die Rede allerdings vor dem Hintergrund von Habermas' früherer Rolle als hochfahrender Inquisitor des "nachmetaphysischen Denkens". In den achtziger Jahren hat er jedermann des "Neokonservatismus" verdächtigt, der auch nur den leisesten Zweifel daran äußerte, dass "die Moderne den sinnstiftenden und tröstenden Gegenhalt nicht aus sich selber produzieren kann" - so Habermas 1985 in einem programmatischen Aufsatz. Er warnte damals vor einer "Rückkehr zur Metaphysik" und goss Häme aus über jene Denker, die der haltlosen Moderne einen Bedarf an "gegenwirkenden Traditionen" attestierten. Sie waren Reaktionäre, Philosophen der Kohlschen Tendenzwende und gehörten als solche entlarvt und an den Pranger gestellt.

Nun schlägt Habermas angesichts von Globalisierung und Gentechnik Töne an, die sehr an seine früheren Feinde erinnern: die säkulare Gesellschaft dürfe sich durch den Ausschluss der Religion aus der Öffentlichkeit nicht "von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden"

der liberale Staat dürfe nicht die "religiöse Herkunft" seiner moralischen Grundlagen vergessen, weil er sonst drohe, das "Artikulationsniveau der eigenen Entstehungsgeschichte" zu unterschreiten

die säkulare Gesellschaft schließlich müsse durch "Übersetzung" religiöser Gehalte in ihre Sprache der "schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenwirken".

Dies sind klassische Topoi der "Rhetorik der Reaktion", die Albert Hirschmann so treffend in seinem gleichnamigen Buch analysiert hat. Auch die Warnung vor der Selbstvergottung des Menschen in der Moderne, in der Habermas' Kritik an der Gentechnik kulminiert, gehört in diesen Kontext. Natürlich steht es Jürgen Habermas frei, sich in einer radikalen Revision seiner Theorie - und auch im Gegenzug zu seinen eigenen politischen Kampagnen gegen den Neokonservatismus - nun selbst dessen Rhetorik zu bedienen. Er soll nur bitte nicht so tun, als liege hier kein Bruch vor.