In diesem Beitrag wird in einem forschen Rundumschlag die Biodiversitätsforschung mit einer Diskussion über den Rückgang der Artenvielfalt in einer Weise in Zusammenhang gebracht, die ein völlig falsches Bild vermittelt. Und zwar vor allem deshalb, weil der Umfang des gegenwärtigen Artensterbens sich angeblich noch auf tönernen Hypothesen und zweifelhaften Hochrechnungen stützen und daher Optimisten wie Pessimisten ausreichend Spielraum für gegensätzliche Anschauungen bieten soll. Eine solche Argumentation greift viel zu kurz, weil Arten nicht plötzlich, sondern allmählich und in weit verstreuten Gruppen (den Populationen) erlöschen. Dies ist in zahlreichen, immer weiter verbesserten Rotbüchern und Roten Listen (die nichts weiter als momentane Aussterbedokumente darstellen) sowie in Fachpublikationen dokumentiert. Genau jener Prozess (und nicht das "Käferzählen") steht in den letzten zwei Jahrzehnten im Zentrum der weltweiten Aussterbeforschung. Daraus wird vor allem ersichtlich, dass Verlust, Veränderung und Verkleinerung von Lebensräumen - und nicht nur in den Kulturlandschaften - maßgeblich zum Verschwinden von Arten beitragen.

Dies führt zu einer Verkleinerung der Individuengruppen und des Verbreitungsgebietes der betreffenden Art, deren Aussterberisiko damit ansteigt. Der Nachweis aber, dass eine Art tatsächlich irgendwo ausgestorben ist, ist sehr viel schwieriger zu erbringen als der Nachweis ihres Vorhandenseins. Deshalb schließen ernsthafte Kriterien über (auch weltweit) ausgestorbene Arten immer einen Zeitverzug von Jahrzehnten ein, in denen eine Art trotz Nachforschung nicht wieder beobachtet worden ist. Gerade auf diesem Gebiet wurde von Floristen, Faunisten und Ökologen in jahrzehntelanger Kleinarbeit bereits viel geleistet, und nur auf dieser Basis ist eine ernst zu nehmende Abschätzung von Aussterbeereignissen überhaupt möglich. Fazit: Die Erforschung der Artenvielfalt steht also glücklicherweise doch nicht mehr am Anfang, und der Umfang des Aussterbens ist keine Rechenaufgabe mit beliebigen Zahlen.

Dr. habil. Günter Köhler, Jena