Ach ja, die Pisa-Studie, was für eine Kränkung dann noch zum Jahresausklang. Die Resultate der Kinderbefragung nagen am deutschen Selbstbild und quälen die Standortpolitiker. Es wird jetzt wieder der Bildungsnotstand ausgerufen, obgleich die Studie lediglich gewisse Tüchtigkeiten überprüft hat, Abstraktionsvermögen oder Sprachverstehen (ZEIT Nr. 50/01). Das aber hat mit Bildung zunächst einmal nichts zu tun, sondern mit den Voraussetzungen für die Integration in die Arbeitsgesellschaft, die wiederum als bundesrepublikanisches Ideallebensmodell auch nicht mehr selbstverständlich ist.

Bildung ist in Deutschland ein ganz besonderer Stoff. Das Wort wird seit dem 19. Jahrhundert wie ein Mantra gemurmelt, in einem Land, das sich als Kultur- und nicht als politische Nation zusammenraufte. Wenn die Bildung verloren geht (und ihre Besonderheit scheint darin zu bestehen, dass sie sich dauernd auflöst, ohne vollständig zu verschwinden), weckt das in Deutschland regelmäßig Ängste vor den Zentrifugalkräften der Gegenwart. Das war vor 30 oder 100 Jahren nicht anders. Wissen die Kids, wer König Etzel war? Nein.

Wallenstein? Auch nicht. Nun ist also noch der allerletzte Kitt der Gesellschaft zerbröselt!

Das von der Pisa-Studie ausgelöste Unbehagen wirkt deswegen so nachhaltig, weil sie die Enttäuschung über ein Hauptstück staatlicher Politik der alten Bundesrepublik festschreibt. Bildung war zu Zeiten des Willy-Brandtschen Aufbruchs endgültig zu einer Sache des Staates geworden. Der Staat wollte mit der ersten umfassenden Bildungsreform Chancengleichheit herstellen, nicht geistige Güter retten, sondern die Gerechtigkeit befördern, das allgemeine Leben modellieren - in einer Zeit, als der "Steuerungsstaat" Beherrschbarkeit und rationale Regelung von Wirtschaft und Gesellschaft in Aussicht stellte.

Damals war von Globalkapitalismus und Zuwanderung noch nicht die Rede.

Inzwischen sehen die meisten, dass auch eine weitere Bildungsreform nicht die Versprechen der alten wird einlösen können, mehr noch: dass Bildung mit staatlicher Vorsorge überhaupt wenig zu tun hat. Bildung ist vor allem eine Angelegenheit des privaten Lebens, sie ist eine hoch individualisierte, teils anstrengende, teils lustvolle, jedenfalls durch persönliche Abneigungen und Vorlieben geformte Strategie der Lebensbewältigung. Und insofern hat sie natürlich etwas mit Herkunft zu tun, mit Bibliotheken und Konzertbesuchen, mit Familientraditionen und dem Glück, die Augen geöffnet zu bekommen, dass außerhalb von Schule und Universität noch andere geistige Kontinente zu entdecken sind.

Bildung ist Ausdruck sozialer Unterschiede, aber wenn sie dazu herhalten muss, solche zu betonen, oder gar das spießige Leben mit Glanz umgeben möchte wie in den Fünfzigern, wird sie unschön. Für alle, denen soziale Gleichheit der höchste Wert ist, bleibt sie ewig eine zweideutige Sache. Im Augenblick entwindet sie sich der staatlichen Obhut. Das ist auch eine Befreiung, und es wird wieder sichtbar, dass Bildung im Wesentlichen auf Freiwilligkeit beruht.