Wer beklagt sich nicht über die steigende Hektik im Alltag? Alles muss immer rascher gehen. Tempo dominiert unser Leben. "Schrumpfung der Gegenwart" nennt Hermann Lübbe dieses Phänomen, das uns allen immer weniger Zeit lässt.

Dabei würden wir eigentlich gerade wegen der steigenden Komplexität von Entscheidungen immer mehr Zeit zum Nachdenken benötigen.

Das Gegenteil ist der Fall: In der "Speed-Economy" frisst der Schnelle den Langsamen und geht Geschwindigkeit vor Qualität. Der rasche Erfolg wird langfristigen Bindungen vorgezogen. Das gilt nicht nur für die harte Welt des viel gescholtenen Turbokapitalismus. In der Sucht der Champions League oder im Kampf gegen den Abstieg aus der Bundesliga zerbrechen harte Männerfreundschaften

die Zerfallszeiten von Ehen und Partnerschaften werden immer kürzer. Lieber heute den Spatz in der Hand als morgen die Taube auf dem Dach: So lautet das Motto einer Gesellschaft, die kurzfristige Bedürfnisbefriedigung über die Verfolgung längerfristiger Ziele setzt.

Es gehört zur Hochgeschwindigkeitswirtschaft, dass mit rasantem Tempo auf Sicht gefahren wird. Nicht mehr Dekaden oder Jahre, sondern Quartale sind die Maßeinheit. Tageskurse interessieren stärker als Jahresbilanzen. Regierungen werden nicht mehr nach wegweisenden Reformerfolgen beurteilt, sondern nach ihren Minibeiträgen in Nachrichten oder Talkshows. Eine Fixierung auf die Gegenwart führt zu Aktionismus hier oder rascher Soforthilfe dort.

Kurzfristige Konjunkturerfolge werden als große wirtschaftspolitische Errungenschaften gefeiert. "Nachhaltiges Wachstum" klingt zwar in Wahlkämpfen gut, in der Tagespolitik dominiert jedoch das Ergebnis von heute. Es wird viel über Generationenverträge geredet, trotzdem aber zulasten der Kindeskinder weiter über die Verhältnisse gelebt.

Überall zeigt sich, wie sehr die heutige Generation die Gegenwart der Zukunft vorzieht. Wer ist noch bereit, sich den Luxus zu leisten, Kinder zur Welt zu bringen, wenn dafür so viel Liebgewordenes aufgegeben werden muss - und die indirekten Kinderkosten in Form von Einkommensverlusten und einem teilweisen Verzicht auf Selbstverwirklichung in der Tat dramatisch sind? Wer ist noch willens, auf Konsum zu verzichten, zu sparen und damit die Grundlage für längerfristiges Wachstum zu schaffen, wenn die Belohnung in Form der Zinserträge hierfür immer geringer werden?