Genau das werden sie hierzulande fast nie. Die Unsitte, leckerste luftgetrocknete Köstlichkeiten vorzuschneiden und anzuhäufeln, ist nicht nur eine Respekt-, sondern eine Geschmacklosigkeit. Sie geschieht aus Zeitgründen oder weil es schick aussehen soll, zeugt aber von Unverstand. Schließlich wartet die Fleischoberfläche mit dem Oxidieren nicht, bis der Kunde seine Festtagsration nach Hause getragen hat. Chemische und physikalische Prozesse setzen unmittelbar ein. Mit der Folge, dass Mailänder Salami (und wegen des höheren Fettanteils noch krasser die ungarische), Bündner Salsiz, Chorizoscheiben aus Murcia oder die Jagdwurst schon nach wenigen Stunden ranzig müffeln, Lyonerwurst, Blutwurst, gekochter Schinken oder Gänsebrust wie ein Aprilhimmel die Farbe wechseln und Parmaschinken, Jamón Iberico oder die hauchdünnen Mostbröcklischeiben verdorren wie Herbstlaub im Föhnsturm.

Warum geht man zum Fleischer und kauft nicht in Plastik Eingeschweißtes? Weil frisch Geschnittenes einen Duft verströmt. Doch der hiesige Fleischer parfümiert morgens erst mal seinen eigenen Laden. Von den olfaktorischen Qualitäten der edlen Scheibe hat der Kunde nichts mehr. Trotzdem werden in Deutschland noch immer fast überall Luxusgüter, die pro hundert Gramm fünf Euro kosten, Tag für Tag ruiniert - von allen geduldet. Wie beim Italiener um die Ecke die frische Tranche selbstverständlich ist, sollten auch die deutschen Ignoranten endlich gezwungen werden, die Liebe, die im Salame Toscano steckt, mit Sorgfalt zu erwidern. Die Wurst hat es verdient.

Wer sich wehrt, stößt auf Unverständnis. In einer karstädtischen Delikatessabteilung focht ich kürzlich folgenden Streit aus:
"200 Serrano bitte. Aber nicht von dem, sondern frisch geschnittenen."
"Der ist frisch geschnitten."
"Ich möchte aber, dass Sie ihn jetzt frisch schneiden."
"Der ist frisch geschnitten."
"Das sagen Sie immer."
"Wollen Sie damit sagen, dass ich lüge?"
"Ich möchte bloß sagen, dass ich Serranoschinken kaufe, wenn Sie ihn jetzt frisch schneiden. Möchten Sie ihn nicht frisch schneiden, kaufe ich keinen."
"Hannelore, schneide für den Herrn 200 Gramm Serrano."

Die Ernte: frischer Schinken, böse Blicke. Aber erst wenn sich in Zukunft alle Kunden so unmöglich machen, wird der müffelnden Scheibe in deutschen Auslagen der Garaus gemacht.

Herzlich

Ihr Urs Willmann

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