ZEIT:Kanada ist der Gastgeber des nächsten Gipfels der G-8. Auf Grund der Erfahrungen von Genua will man sich nun in unwegsames Gelände in den Bergen zurück ziehen. Was bedeutet das für die Kritiker der Globalisierung, die seit Seattle jede große internationale Konferenz mit Protestaktionen begleiten?

Klein: Eins ist wichtig zu verstehen: In diesen vielen vernetzten Bewegungen gibt es eine Tendenz, die Entwicklung des Protests in einzelnen Anschnitten zu sehen. Diese Kapitel - Entwicklungsstufen könnte man auch sagen - werden festgemacht an diesen Großereignissen, wie es diese Weltkonferenzen und Gipfeltreffen nun mal sind, von Seattle über Prag bis Genua. Das führt zu einem Springen von Gipfel zu Gipfel. Doch über dieses summit-hopping, wie das in den strategischen Debatten innerhalb der Bewegung genannt wird, müssen wir hinaus wachsen.

ZEIT: Weil es auf Dauer den Kapitalismus und die Konzerne nicht aufhält?

Klein: Die Debatte über die optimale Form, der eigenen kritischen Meinung weltweit Gehör zu verschaffen, ist sehr lebhaft. Die Zusammenkünfte aus Anlass offizieller Großveranstaltungen internationaler Institutionen oder einiger Regierungen sind zwar das deutlichste Zeugnis für die Existenz und Vitalität der Bewegungen. Sie sind auch als einziges überhaupt in der Lage, große Medienaufmerksamkeit anzuziehen, wodurch wiederum die Menschen überhaupt erst erfahren, was los ist. Sie erfordern anderseits aber auch eine Menge Energie und Ressourcen, nicht zuletzt wegen der Konfrontation mit den Ordnungsmächten, die diesen Protest abdrängen oder verhindern wollen.

ZEIT: Wie demnächst in Kanada, wo man fernab der Metropolen tagen wird, in Kananaskis in den Rocky Mountains.

Klein: Wenn der Gipfel in Kananaskis in Alberta auch nur annähernd die Dimension von Genau haben sollte, dann werden wir Aktivisten hier alle uns zur Verfügung stehende Zeit, unsere ganze Fantasie, Energie und Ressourcen in die Aufgabe investieren müssen, wie wir hunderttausende Leute dorthin bekommen. Das bedeutet, Zeit für neue Ideen zu anderen Themen bleibt dann nicht. Das ist alles sehr logistisch orientiert und ein ziemlicher Aufwand für etwas, was am Ende nicht mehr ist als ein symbolischer Protest. Das bedeutet zwar "direkte Aktion", aber es ist nichts, was das Leben der Menschen unmittelbar verbessert. Aber darauf käme es vor allem an. Mich interessieren mehr solche Aktionen, die nicht abstraktes symbolisches Theater darstellen, sondern Aktionen, die sich direkt auf die Verbesserung von Lebensbedingungen für Menschen konzentrieren. Das erleben wir immer mehr, ob in Brasilien mit Bauernorganisationen, mit Land- und Hausbesetzer-Initiativen oder Anti-Abschiebungsgruppen, die sich direkt gegen Abschiebungen einsetzen, die zum Flughafen kommen, um da eine Abschiebung zu verhindern, oder die in Australien zu den berüchtigten Unterkünften der Flüchtlinge reisen und dort gegen die menschenunwürdigen Bedingungen protestieren, unter denen die dort untergebracht sind. Das sind direkte Aktionen, nicht nur symbolisch, weil es da eben gerade ein Treffen von Staatsmännern gibt. An diesen summit-Aktionstreffen können vielen Leute gar nicht teilnehmen. Diese Art von Aktivismus wird daher in gewisser Weise zum Luxus. Wenn es jedoch es um Alltagsprobleme geht, dann ist Aktivismus kein Luxus mehr. Dann ist er lokal. Hier in Toronto zum Beispiel haben wir ein steigendes Engagement gegen die Armut. Da geht um Sozialhilfe für die Armen, die ihnen vorenthalten werden soll, es geht um die Verhinderung von Deportationen, um Hausbesetzungen, und darum, Leute vor dem Erfrieren zu bewahren. Natürlich wird es auch künftig Demonstrationen bei Gipfeltreffen geben. Aber ich glaube, deren Bedeutung wird abnehmen. Wir haben das bereits gesehen, soeben in Brüssel, nicht? Es gab Proteste, klar, aber es war doch kein neues Genua, stimmt's? Es ist vielleicht symbolisch wichtig, wieder deutlich zu machen: Wir sind hier. Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht in unseren eigenen Straßen zu sein. Aber es ist wichtig, unseren Aktivismus zu einer nächsten Stufe der Entwicklung zu führen. Es geht um neue Verwurzelung in den lokalen Gemeinschaften.

ZEIT: Worin besteht die nächste Stufe? Bisher galt es in der Bewegung als besonders wichtig, die Straße - den "öffentlichen Raum" - zu behaupten. Reclaiming the streets nennen Sie es in Ihrem Buch No logo.