Es gibt zuweilen Jahre, in denen sich die Weltgeschichte in den Angeln dreht und die Entwicklung eine ganz neue Richtung nimmt: Scharnierjahre gleichsam. In der neueren Zeit waren 1789, 1815 und 1914 derartige Scharnierjahre. Zuletzt haben wir solch einen historischen Umbruch 1989 erlebt, als die Berliner Mauer fiel und der Eiserne Vorhang abgerissen wurde, der Europa - und die Welt - vierzig Jahre lang in zwei Lager geteilt hatte. Wird auch das Jahr 2001 als Scharnierjahr in die Geschichtsbücher eingehen?

Nach den Terroranschlägen vom 11. September ist es zur gängigen Floskel geworden, die Welt werde nach diesem Schreckenstag nie wieder so sein wie zuvor. Aber Zeitgenossen können sich leicht irren in der historischen Bewertung aktueller Ereignisse. So ist es schon Johann Wolfgang von Goethe ergangen, der als Beobachter der Kanonade von Valmy notierte: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Gäbe es diesen Satz nicht, Valmy und mit ihm das Jahr 1792 wären längst vergessen, eine bloße Anmerkung in dem großen Kapitel Französische Revolution

Die Menschen stehen seit dem Kamikaze-Angriffen gegen das World Trade Center und das Pentagon unter Schock. Die Besorgnis ist groß, dass neue Attacken sich gegen Amerika, aber auch gegen Europa richten könnten. Selbst nach der Zerschlagung von Osama bin Ladens Terrororganisation Al Qaida und dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan muss damit in der Tat gerechnet werden. Dem apokalyptischen Drachen ist das Rückgrat gebrochen, aber noch lauern wohl allerlei kleinere Schlangen im Unterholz.

Und dennoch muss am Ende dieses schrecklichen Jahres die Frage erlaubt sein, ob die Welt nach dem 11. September sich wirklich total verändert hat. Es gibt gute Gründe, dies zu bezweifeln.

Der 11. September 2001 hat unsere Wahrnehmung der Welt verändert, doch nicht unbedingt die Welt selber. Dabei ist der Wandel der Wahrnehmung in den Vereinigten Staaten am ausgeprägtesten. Kein Wunder, denn seit 1812, als die Briten das Weiße Haus beschossen, sind sie auf ihrem Kontinent nicht mehr direkt angegriffen worden; der japanische Überraschungsangriff auf Pearl Harbor traf im Dezember 1941 nur einen vorgeschobenen pazifischen Militärstützpunkt. Jetzt ist den Amerikanern mit einem Mal klar geworden, dass sie heutzutage genau so verwundbar sind wie alle anderen Völker der Erde. Der Schock dieser Erkenntnis hat ihr Lebensgefühl verwandelt. Die Welt indessen ist sich im Grunde gleich geblieben. Der 11. September 2001 hat keine fundamentale Metamorphose der Zeitläufte bewirkt, wie dies der 9. November 1989 ohne Zweifel getan hat.

Gewiss, der Terror hat in den Anschlägen auf New York und Washington eine ganz neue Dimension der technischen Perfektion und damit des Horrors erreicht. Fürs erste wird der Kampf gegen ihn auch im Brennpunkt der internationalen Politik stehen. Doch ist es höchst unwahrscheinlich, dass es zum dominierenden Thema des 21. Jahrhunderts wird.

Ein Blick auf die Europäische Geschichte der letzten tausend Jahre zeigt, dass es Terrorismus in wechselnden Erscheinungsformen stets gegeben hat: Briganten und Räuberbarone im Mittelalter; marodierende Söldner im Dreißigjährigen Krieg; jahrhundertelang Piraten auf den europäischen Meeren. Die Anarchisten und dynamitards sprengten Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Eisenbahnzüge und Paläste in die Luft, brachten Zaren und Könige um. Manche folgten dabei den Lehren des Fürsten Kropotkin, eines orthodoxen Eiferers vom Schlage Bin Ladens, der die verderbte Welt durch Ströme von Blut zu läutern und zu reinigen trachtete.