Mit ein paar goldenen Dächern hatte der Reisende mindestens gerechnet. Oder Brunnen, aus denen Milch und Honig fließen. Schließlich war das Ziel seiner zehnmonatigen Fahrt die Hauptstadt eines Weltreichs. Ernüchtert notierte Wilhelm von Rubruk am ersten Tag: "Die Stadt ist nicht einmal so stattlich wie der Marktflecken St. Denis."

Die an Ostern 1254 ins Tagebuch gekritzelte Enttäuschung des Gesandten von König LudwigIX. und Papst InnozenzIV. galt der mongolischen Hauptstadt Karakorum, der Hochburg der Horden Dschingis Khans, der größten Kriegsmacht des 13.Jahrhunderts. Die wilden Reiter aus dem Osten hatten in wenigen Jahrzehnten das größte zusammenhängende Reich der Menschheitsgeschichte etabliert.

Die östliche Supermacht hatte 1206 erste Konturen angenommen. In diesem Jahr ließ sich der Stammesfürst Temudschin zum Führer aller Mongolen ausrufen. Der 44-Jährige hatte das Kunststück vollbracht, alle Stämme zu einen. Fortan nannte er sich Dschingis Khan - ozeangleicher Herrscher - und begann unverzüglich die Nachbarn das Fürchten zu lehren. Nicht einmal die chinesische Mauer sollte den Kriegsfürsten davon abhalten, 1210 den südlichen Nachbarn zu überrennen. Als Dschingis Khan 1227 starb, beherrschte er ein Imperium vom Pazifik bis zum Kaspischen Meer, von Nordafghanistan bis zum Amur.

Dschingis' Sohn und Nachfolger Ögedei führte die Eroberungszüge konsequent fort. Nur einem Zufall verdankt Mitteleuropa womöglich, nicht auch noch überrollt worden zu sein. Die Mongolen standen bereits vor Wien, als die Heere im Mai 1242 plötzlich abzogen - die Nachricht hatte sie erreicht, dass Ögedei Khan gestorben war.

Das mongolische Imperium erstreckte sich nun bis zum Mittelmeer, und die Bedeutung von Karakorum war immens - obwohl der Khan selten in seiner Hauptstadt residierte. Als Nomadenführer bevorzugte er seinen mobilen Unterschlupf; die Kapitale hatte er bloß aus weiser Voraussicht gebaut. "Man kann ein Reich vom Rücken der Pferde aus erobern, indes nicht vom Rücken der Pferde verwalten", lautet eine alte chinesische Weisheit aus der Han-Zeit. Dschingis Khan beherzigte den Rat. 1220 befahl er die Gründung einer Hauptstadt. Ögedei vollendete sie 1235.

Die Gesandtschaft, die sich heute in der Stadt aufhält, muss noch genauer hinsehen als damals Wilhelm von Rubruk, will sie in der Steppe urbane Strukturen ausmachen. Die Mongolisch-Deutsche Karakorum-Expedition (MDKE) gräbt in der Zentralmongolei nach den Resten der untergegangenen Metropole, 360 Kilometer westlich der heutigen Hauptstadt Ulan-Bator. Zur MDKE gehören Forscher der Bonner Universität, des Deutschen Archäologischen Instituts und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften.

Da die Nomaden über keine Kenntnisse im Städtebau verfügten, gab der damalige Bauherr Green Cards aus für ausländische Fachkräfte - Freiwillige und Kriegsgefangene. Die Fremdarbeiter drückten Karakorum ihren städtebaulichen Stempel auf. "Chinesische Prinzipien der Stadtplanung" hat der Bonner Archäologe Helmut Roth in den Fundamenten ausgemacht. So teilten Mauern die einzelnen Stadtteile ab. Ebenso waren die Häuser aus Ziegeln chinesischer Art gebaut, dem Klima Rechnung tragend mit Bodenheizung und temperierten Bettpodesten, so genannten Kangs.