Der tägliche gesellschaftliche Höhepunkt im Marie-Seebach-Stift in Weimar, dem einzigen deutschen Altenheim für Bühnenkünstler, findet mittags um halb eins statt. Als Erstes rollt Herr Desch in den Saal. Weil der ehemalige Schauspieler aus Leipzig gerne trank und rauchte und nie auf die Ärzte hörte, nahmen sie ihm erst das eine Bein ab und dann noch das andere, und der rechte Ringfinger fehlt ihm auch. Aber seinem Kopf hat das nicht geschadet, morgens früh dringen aus seinem Zimmer Sprechübungen: Mamami, Mamamo, Mamamu. Er hat das sein Leben lang getan, warum sollte er jetzt damit aufhören. Mittags schiebt ihn sein alter Freund Kurt Scharff, genannt Kurti, in kleinen Trippelschritten in den Saal, wobei dessen Hose gefährlich rutscht. Kurti war früher Konzertmeister in Erfurt. Eine halbe Stunde lang sitzen die Herren so da, und kurz vor halb eins fällt ihnen ein, dass sie noch mal auf Toilette müssen. »Immer so«, sagt Zivi Felix.

Kurz bevor aufgetragen wird, tritt Marianne Lang, 90, in den Saal. Die Gattin des einstigen Generalintendanten von Weimar hat mit ihren weißen Haaren und dem Silberschmuck etwas Adliges an sich - wehe, jemand taucht in Kittel oder Filzpantoffeln auf. Es folgen Rudolf Wallak, dem man als früherem Weimarer Operninspizienten ein gutes Gehör nachsagt, und Emilie Alten-Meixner, die ehemals in Mannheim und Stuttgart spielte, blind ist, immer eine französische Baskenmütze auf dem Kopf trägt und nicht über das Alter reden will, weil »das eine furchtbare Angelegenheit« ist. Wenn die meisten sitzen, erscheint Brigitte Renner, die in Eisenach und Chemnitz engagiert war, und ganz zum Schluss weht die 83-jährige Gitti Krohn herein, die lange in Stralsund spielte und nie Tage hintereinander im selben Kleid gesehen wird. Sie klopft kurz auf jeden Tisch, ruft Mahlzeit!, und die anderen heben unmerklich die Augenbrauen.

Die Nachbarn sagen: »Schon lauter Stars dort«

Von außen sieht das Haus aus wie tausend andere auch, ein moderner Bau, türkis-weiß abgesetzt, Stahlbalkone. Nur der Geruch ist anders. Kein Altenheim, in dem es nach Desinfektion und Bohnerwachs riecht, es sitzen auch keine alten Menschen rechts und links auf den Korridoren. 46 alte Frauen und Männer leben hier. Und einige Nachbarn, die tagsüber in ihren Gärten werkeln, sagen: »Schon lauter alte Stars dort.«

Operninspizient Wallak findet, dass die tägliche Mittagsshow im Speisesaal »nervt«. Besonders wenn man die Hintergründe kenne: Jeder mache seine Rollen heute ja größer, als sie in Wirklichkeit waren. Die anderen halten Wallak für ein bisschen »spleenig«, weil er sich von seiner kleinen Rente jetzt noch eine Waschmaschine gekauft hat. Aber er wolle seine »Leibwäsche« nicht abgeben, sagt er. Gerade mussten die Damen im Speisesaal wieder mit ihm schimpfen, dass sein rostrotes T-Shirt »wirklich niemandem gefällt«. Also wird Wallak das Hemd noch Tage tragen, weil ihm das Freude bereitet.

Rudolf Wallak macht nie Mittagsschlaf. Spätestens nach dem Essen hält er es nicht mehr in seinem Zimmer aus, geht in die Stadt, Fremde gucken. »Ich brauch das«, sagt er. Jeden Tag um Viertel vor zwei steigt er in den Bus, legt seinen gewaschenen Stoffbeutel zusammengefaltet auf den Schoß. Viel kauft er nicht ein: Käse, Wurst, 100 Gramm Rinderhackfleisch, das er sich später aufs Brot legen wird, und jeden Tag zwei Flaschen Bier. Manchmal, wenn Wallak besonders gut drauf ist, gönnt er sich einen kleinen Pikkolo aus dem Getränkemarkt. Den trinkt er zwischen dem Rewe-Parkplatz und dem Weimarer Nationaltheater und hat diebische Freude daran, dazustehen wie ein Penner, aber keiner zu sein. Und es erinnert ihn an alte verwegene Zeiten, als er zu den »bestverdienenden Inspizienten der DDR« gehörte und sein ganzes Geld in die Kneipen brachte, »mindestens den Wert mehrerer Autos«.

Heute spendiert ihm ein alter Freund, der mal als Statist bei ihm anfing, die Opernwelt. Das Hochglanzheft liegt auf dem Tisch neben dem Gläschen mit den hellgelben Pillen. Abends rappelt sich der 75-Jährige noch mal aus seinem bequemen Ohrensessel auf und geht zu den Flurnachbarn. Sie sehen sich gemeinsam die Vorabendserien an. Viel geredet werde nicht, jedenfalls »nichts Tiefschürfendes«, sagt er, »passiert ja nichts mehr«.